Friedhelm Rathjen: Arno Schmidt lesen!

Rathjen-Arno-Schmidt-lesenArno Schmidt ist für viele Leser wohl weniger ein deutscher Autor des 20. Jahrhunderts als vielmehr ein Schreckgespenst von Schwierigkeit und Unzugänglichkeit. Die Gerüchte, die über ihn umgehen, sind zwar nicht vollständig unbegründet, aber sie zeichnen doch ein sehr übertriebenes Bild dieses Autors und seines Werks. Ich zitiere nicht gern Günter Grass, aber wenn er in seiner Laudatio auf Arno Schmidt von 1964 feststellte, man könne „ihn in der Küche schmökern wie Gullivers Reisen“, so trifft das eine wichtige Eigenschaft der Bücher Schmidts: Schmidt zu lesen macht Spaß.

Natürlich ist es so, dass es Aspekte seiner Bücher gibt, die sich erst einer sehr gründlichen und wahrscheinlich wiederholten Lektüre eröffnen. Auch kann es sein, dass sich eher bequeme oder wenig flexible Leser vom äußeren Erscheinungsbild der Texte abgestoßen fühlen. Doch all das kann man erst einmal getrost beiseite lassen: Weder muss man Schmidts Texte auf Anhieb vollständig verstehen (es gibt Seiten im Werk, von denen ich vermute, dass sie bis heute noch niemand auf der Welt wirklich verstanden hat), noch muss man begreifen, warum der Autor Wert darauf gelegt hat, seine Texte in einer etwas seltsamen äußeren Erscheinungsform drucken zu lassen. Zu allererst kann und soll man Arno Schmidt einfach nur lesen.

In den meisten Fällen stößt der Leser dann auf eine recht konventionelle Liebesgeschichte, die in einer merkwürdigen Mischung aus innerlicher Zart- und äußerlicher Grobheit erzählt wird. Besonders in seinen frühen Veröffentlichungen liefert Schmidt zugleich ein sehr reiches Zeitbild, das von den 30er bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts reicht. Hier und da entdeckt man vielleicht auch einen Zukunftsroman (Schmidt schrieb eher Utopien, weniger Science Fiction), der Schmidts ganz eigene und immer originelle Sicht auf seine Lebenswelt widerspiegelt. Immer aber wird man einen Autor von ungewöhnlichem Humor finden. Ob man sich schließlich an das Spätwerk Schmidts machen wird, hängt sicherlich von ganz vielen Umständen ab, auch davon, wieviel Zeit man bereit ist, in diesen durch und durch originären Autor zu investieren.

Wer aber meint, nach einer ersten Bekanntschaft mit Arno Schmidts Büchern doch von dem einen oder anderen Hinweis eines Kenners profitieren zu können, hat derzeit nicht so sehr viele Möglichkeiten, sich über den Autor allgemein und gut lesbar zu informieren. Meine eigene Einführung in das erzählerische Werk ist inzwischen mehr als 10 Jahre alt und nicht mehr im Druck, die Rowohlt-Biographie von Wolfgang Martynkewicz ist auch seit langem vergriffen und wird bis auf weiteres wohl nicht ersetzt werden, und andere aktuelle biographische Veröffentlichungen – wie etwa Joachim Kerstens „Arno Schmidt in Hamburg“ – konzentrieren sich nur auf Teilaspekte der Biographie.

Nun legt mit Friedhelm Rathjen einer der besten Arno-Schmidt-Kenner einen ebenso kurzen wie umfassenden „Wegweiser“ zu Arno Schmidt vor. Der knapp 170 Seiten umfassende Band enthält eine Darstellung des kompletten Werks Arno Schmidts einschließlich der Nachlass-Veröffentlichungen; sogar die bis dato veröffentlichten Bände der Briefwechsel werden besprochen. Grundlage des Bandes sind zum einen lexikalische Einträge, die für den Reclam Verlag verfasst wurden, zum zweiten überarbeitete und erweiterte Zeitungsrezensionen und zum letzten Artikel, die eigens für diesen Band verfasst wurden. Zahlreiche der kurzen Artikel sind ergänzt um ein ausführliches Verzeichnis von Sekundärliteratur, wobei sich auch hier Rathjens Kennerschaft zeigt: Es handelt sich durchaus nicht um eine unkritische Ansammlung der existierenden Forschung, sondern um eine mit Bedacht vorgenommene kritische Auswahl.

Und so ist Rathejns Buch für jeden Leser Arno Schmidts geeignet: Schmidt-Einsteiger finden anhand der knappen und präzisen Artikel rasch Orientierung zu Einzeltexten oder dem Gesamtwerk; wer sich schon „am Haken“ findet, kann sich einen umfassenden Überblick verschaffen; der Kenner schließlich findet konzise und zuverlässige Bibliographien, die das Auf- und Wiederfinden bestimmter Sekundärtexte ermöglichen bzw. erleichtern.

Für jeden an Schmidt Interessierten rundum zu empfehlen.

Friedhelm Rathjen: Arno Schmidt lesen! Orientierungshilfe für Erstleser und Wegweiser im Literaturdschungel. Südwesthörn: Ǝdition RejoycE, 2014. Bedruckte Broschur, 168 Seiten. 17,– €. Bestellung per E-Mail direkt beim Verlag.

flattr this!

Allen Lesern ins Stammbuch (70)

Unterschätzte Wirkung des gymnasialen Unterrichts. – Man sucht den Wert des Gymnasiums selten in den Dingen, welche wirklich dort gelernt und von ihm unverlierbar heimgebracht werden, sondern in denen, welche man lehrt, welche der Schüler sich aber nur mit Widerwillen aneignet, um sie so schnell er darf von sich abzuschütteln. Das Lesen der Klassiker – das gibt jeder Gebildete zu – ist so, wie es überall getrieben wird, eine monströse Prozedur: vor jungen Menschen, welche in keiner Beziehung dazu reif sind, von Lehrern, welche durch jedes Wort, oft durch ihr Erscheinen schon einen Mehltau über einen guten Autor legen. Aber darin liegt der Wert, der gewöhnlich verkannt wird – daß diese Lehrer die abstrakte Sprache der höhern Kultur reden, schwerfällig und schwer zum Verstehen, wie sie ist, aber eine hohe Gymnastik des Kopfes; daß Begriffe, Kunstausdrücke, Methoden, Anspielungen in ihrer Sprache fortwährend vorkommen, welche die jungen Leute im Gespräche ihrer Angehörigen und auf der Gasse fast nie hören. Wenn die Schüler nur hören, so wird ihr Intellekt zu einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise unwillkürlich präformiert. Es ist nicht möglich, aus dieser Zucht völlig unberührt von der Abstraktion als reines Naturkind herauszukommen.

Friedrich Nietzsche
Menschliches, Allzumenschliches

flattr this!

Patricia Highsmith: Ripley Under Water

Tom fiel ins Bett und schlief wie ein Toter.

Highsmith-Ripley-5Erst 1991, elf Jahre nach „Der Junge, der Ripley folgte“, erschien der fünfte und letzte Band der Ripley-Reihe. Er fällt in mehr als einer Hinsicht aus dem Muster, das die Reihe bis dahin konstituiert hatte und lässt den Leser mit der Frage zurück, warum die Autorin daran interessiert war, auch diese Ripley-Geschichte noch zu erzählen.

Dass die Handlung nur fünf Jahre nach der von „Ripley Under Ground“, also im Jahr 1972 angesiedelt ist, dürfte das erste sein, worüber sich Leser der Reihe wundern könnten. Bis zu diesem Roman befand sich Ripley in einer ständigen Fortentwicklung, die nun aber mit „Der Junge, der Ripley folgte“ abgeschlossen zu sein scheint. Der wichtigste Grund hierfür ist wohl, dass die Leiche des in „Ripley Under Ground“ ermordeten amerikanischen Kunstenthusiasten Murchison, die dort in einem kleinen Fluss abgelegt worden war, in diesem Roman wieder eine bedeutende Rolle spielen soll. Da sie zu diesem Zweck in einem Zustand sein muss, der eine Identifizierung schwer, aber nicht gänzlich unmöglich erscheinen lassen soll, kann Highsmith die Handlung nur eine begrenzte Anzahl von Jahren nach dem Mord spielen lassen.

Zum zweiten fehlt in „Ripley Under Water“ die bis dahin übliche, für die US-Leser exotische europäische Kulisse. Dafür reist Ripley mit Frau (und Kind, hätte ich beinahe geschrieben, es ist aber nur eine Freundin seiner Frau) nach Marokko. Anscheind war der Reiz Europas Ende der 80er Jahre bereits abgenutzt, so dass etwa Kopenhagen oder Stockholm durch das provinziellere Tanger ersetzt wurden.

Die dritte gravierende Abweichung vom Muster besteht darin, dass Ripley diesmal kein Mann an die Seite gestellt wird, mit dem er für eine Weile kooperiert, der dann aber letztlich sterben muss, sondern dass er hier zum ersten und einzigen Mal auf einen echten Feind trifft: David Pritchard, US-Amerikaner, taucht zusammen mit seiner Frau Janice unversehens in Villeperce auf und beginnt, Ripley mit Anrufen und Unterstellungen zu traktieren. Er vermutet, Ripley habe Murchison umgebracht und hegt denselben Verdacht auch im Falle Dickie Greenleafs. Pritchard ist offensichtlich von sadistischer Natur; es geht ihm weniger darum, Ripley zu überführen, als vielmehr, ihn unter Druck zu setzen und sich winden zu sehen. Den Gefallen tut ihm Ripley aber nur bedingt: Als Pritchard dem Ehepaar Ripley nach Tanger folgt, stellt ihn Ripley dort und schlägt ihn böse zusammen. Er zügelt allerdings seine aufwallende Wut und lässt ihn am Leben.

Nach Villeperce zurückgekehrt, beginnt Pritchard die Flüsschen und Kanäle der Gegend nach der Leiche Murchinsons abzusuchen. Wie er zu der Überzeugung gelangt ist, Ripley habe sie versenkt und nicht vergraben, erklärt uns Frau Highsmith leider nicht. Die schließlich gefundene Leiche dient am Ende dann auch der Auflösung der gesamten Affäre. Dass Ripley aus all dem unbeschadet hervorgehen wird, wissen aber alle Leser von „Der Junge, der Ripley folgte“ bereits.

Das Buch ist – verglichen mit den anderen Teile der Reihe – schwach: Die Handlung ist nur ein Nachklapp von „Ripley Under Ground“, Pritchard nur das Abziehbild eines Psychopathen, der Konflikt wird nicht wirklich durchgespielt, die Auflösung ist banal und die Polizei begriffsstutzig wie immer. Bleibt die Frage, warum Highsmith ihrem Helden die Begegnung mit einem Sadisten zumuten wollte. Vielleicht hatte sie das Gefühl, die Geschichte von „Ripley Under Ground“ nicht wirklich zu Ende gebracht zu haben (was übrigens für dieses Buch genauso gilt, denn die Autopsie der Leiche durch die französische Polizei steht am Ende immer noch aus). Vielleicht war es auch die Idee, Ripley einmal unter konstantem Druck durch einen Dritten zu zeigen, also nicht in einer Situation, die er durch sein Talent zur Improvisation und Lüge rasch entschärfen oder durch einen abrupten Akt der Gewalt lösen kann. Leider kommt dieser Lesart die Begegnung Ripleys und Pritchards in Tanger in die Quere, wo Ripley sogar das Messer schon in der Tasche hat, seinen Quälgeist aber dennoch nicht tötet. Genug Material zur Rechtfertigung der Tat vor sich selbst hatte er bis dahin schon angesammelt, dennoch verlängert Highsmith die Quälerei bis zu einem Ende, in der das Böse des Bösen sich schließlich selbst in die Falle geht. Zwar kommt Ripley hier und da in die Nähe einer Paranoia, aber bekanntlich bedeutet paranoid zu sein nicht, dass niemand hinter einem her ist. Nichts von alle dem überzeugt wirklich, und wahrscheinlich hätte niemand etwas vermisst, wenn Highsmith diesen Roman nicht geschrieben hätte.

Patricia Highsmith: Ripley Under Water. Aus dem Amerikanischen von Matthias Jendis. detebe 23421. Zürich: Diogenes, 2006. Broschur, 433 Seiten. 11,90 €.

flattr this!

Arnold Zweig: Erziehung vor Verdun

„Mensch“, schrie Kroysing wiederum, und seine Augen glänzten im Lichte des dritten Glases Kognak, „wissen Sie immer noch nicht, daß alles Schwindel ist, Schwindel wie bei denen drüben? Wir bluffen, und die bluffen, und bloß die Toten blufffen nicht und sind die einzig Anständigen bei dem Theater …“

Zweig-Der-grosse-KriegDieser 1935 erstmals erschienene Roman umfasst zusammen mit „Junge Frau von 1914“ (1931) den Stoff zum ersten Teil der zuerst geplanten Trilogie, in deren Zentrum „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ (1927) stehen sollte. Während sich der Vorgänger, worauf der Titel schon hinweist, hauptsächlich auf Lenore Wahl konzentriert, dreht sich diese Erzählung ausschließlich um Werner Bertin. Die Handlung schließt sich ohne größere Lücke an die von „Junge Frau von 1914“ an, an dessen Ende sich der frisch mit Lenore verheiratete Werner zurück zu seiner Einheit nach Verdun aufgemacht hatte. Mitte Juli 1916, während die Schlacht um Verdun in vollem Gange ist, leistet er hier Dienst als sogenannter Schipper, also als nicht an der Waffe ausgebildeter Armierungssoldat.

Das Rückgrat der Handlung bildet eine miltärische Affäre um den Tod des jungen Unteroffiziers Christoph Kroysing, der sich bei seinen Vorgesetzten unbeliebt gemacht hat, weil er Unterschlagungen beim Proviant seiner Einheit angezeigt hatte. Er wird daher von diesen Vorgesetzten auf den gefährlichsten Vorposten seiner Einheit beordert in der Hoffnung, eine französische Granate möge das Problem lösen, bevor es zu einem Militärprozess kommen kann, in dem Kroysings Aussage zu ernsten Schwierigkeiten führen würde. Werner Bertin lernt Christoph Kroysing eines Tages zufällig kennen und zwischen den beiden Männern stellt sich sofort ein Verhältnis der Sympathie und des Vertrauens her. Kroysing, dessen Post scharf überwacht wird, fragt Bertin, ob er bereit sei, einen Brief für ihn zu besorgen, in dem er einen einflussreichen Verwandten bitten möchte, den ausstehenden Prozess zu beschleunigen. Werner sagt dies gern zu, doch als er zwei Tage später den Unteroffizier erneut aufsuchen will, ist geschehen, was dessen Vorgesetzte erhofft hatten: Eine französischen Granate ist in seiner Nähe eingeschlagen, und bevor Bertin ihn noch im Lazarett besuchen kann, ist Kroysing verstorben.

Auf der Beerdigung lernt Bertin den älteren Bruder des Verstorbenen, Leutnant Eberhard Kroysing, kennen. Er erzählt Eberhard von seiner Begegnung mit Christoph, der sich daraufhin, von einem schlechten Gewissen geplagt, dass er sich zu wenig um seinen kleinen Bruder gekümmert habe, vornimmt, die Verantwortlichen für dessen Tod juristisch zur Rechenschaft zu ziehen. Die sich aus diesem Vorsatz ergebenden Verwicklungen, in denen Werner eine zentrale Rolle als potentieller Zeuge spielt, liefern im Weiteren den wesentlichen Handlungsfaden. Sie bieten ausreichend Gelegenheit, sowohl die Korruption, Egozentrik und den Antisemitismus des deutschen Offizierskorps als auch das Elend und die Schrecken der Schlacht um Verdun darzustellen.

Zu Werner ist noch zu ergänzen, dass er seinen Vorgesetzten ebenfalls negativ aufgefallen ist, da er sich bei einer Gelegenheit gegen den ausdrücklich Befehl seines Majors um einen französischen Kriegsgefangenen gekümmert hat. Hieraus ergeben sich diverse Schikanen und Benachteiligungen für ihn, die sich erst ganz am Ende auflösen, als er von dem inzwischen mit dem Fall Kroysing befassten Militärrichter unter nicht unerheblichen Aufwand als Schreiber angefordert und in dessen Zuständigkeit versetzt wird. Kurz bevor Werner zu seiner neuen Einheit an die Ostfront aufbricht, stirbt auch Eberhard Kroysing bei einem tragisch konstruierten Fliegerangriff auf das Hospital, in dem er eine Verltzung auskuriert, womit der Fall Kroysing endgültig zu den Akten gelegt werden wird.

Aus Werner ist in dem Jahr, das er vor Verdun verbracht hat, ein deutlich realistischerer Kopf geworden: „Der Armierungssoldat Bertin ist kein Trottel mehr“, heißt es zusammenfassend auf den letzten Seiten des Romans. Auch seine Annäherung an eine sozialistische bzw. kommunistische Sicht der gesellschaftlichen Verhältnisse im Deutschen Reich wird durch den Einfluss zweier Nebenfiguren vorbereitet. Insoweit erfüllt der Roman das Programm seines Titels, wenn auch Werner Bertin noch lange nicht an dem Punkt angekommen zu sein scheint, an dem sein Autor ihn letztlich haben will.

Stilistisch ist der Roman der bislang angenehmste der Reihe, da ihm die romantisierenden Töne der in der Chronologie der Handlung vorangehenden gänzlich fehlen. Man hat hier deutlich das Gefühl, dass dies Zweigs ganz eigener Stil ist, während die früheren Passagen, die die paradiesischen Aspekte der Vorkriegszeit als Gegenfolie zur Kriegszeit entwickeln und die unschuldige Gefühlswelt der Protagonisten herausheben sollten, durchweg als aufgesetzt und stilistisch gekünstelt erscheinen. Alles in allem ist „Erziehung vor Verdun“ daher als der bislang gelungenste Teil des Zyklus zu bezeichnen.

Arnold Zweig: Erziehung vor Verdun. Berlin: Aufbau-Verlag, 141969. Leinen, Fadenheftung, 504 Seiten. Lieferbar ist neben einer preiswerten eBook-Ausgabe derzeit nur die Hardcover-Ausgabe innerhalb der Werkausgabe des Aufbauverlages.

flattr this!

Patricia Highsmith: Der Junge, der Ripley folgte

War das der Weg, die Jugend zu belehren? Banalitäten zu brüllen?

Highsmith-Ripley-4Im Jahr 1980 erschien der vierte Ripley-Roman. Seine Handlung ist zwei Jahre früher angesetzt, also etwa 25 Jahre nach dem ersten Ripley-Abenteuer (das 1955 erschien) und knapp zehn Jahre nach der Handlung von „Ripley’s Game“. Ripley dürfte also inzwischen auf die 50 zugehen, er lebt immer noch in Villeperce in der Nähe von Paris, ist immer noch mit Héloïse verheiratet, macht immer noch kleine, illegale Geschäfte mit Reeves Minot aus Hamburg und selbst die alte Derwatt-Connection existiert noch. Alles, was zu einer gutbürgerlichen Existenz zu fehlen scheint, sind Kinder. Also verpasst Highsmith ihrem Helden ohne Gewissen einen Sohn.

Es ist kein leiblicher Sohn, sondern ein junger Mann, der sich etwas verirrt hat in der Welt und eines Abends Ripley von einer Kneipe aus nachgeht und so ihre Bekanntschaft provoziert. Der Junge ist US-Amerikaner und arbeitet in einem Dorf in der Nähe als Gärtner. Ripley hegt sehr bald den Verdacht, dass es sich um Frank Pierson handeln könnte, vermisster Sohn eines kürzlich in den USA zu Tode gekommenen Lebensmittel-Magnaten. Diese Ahnung erweist sich als richtig – wie übrigens alle weiteren Ahnungen und Vermutungen Ripleys durch den ganzen Roman –, und zwischen den beiden entspinnt sich sehr rasch ein erstaunliches Vertrauensverhältnis. So gesteht Frank rasch und ohne gedrängt worden zu sein, dass er es war, der seinen Vater getötet hat, indem er dessen elektrischen Rollstuhl auf der Klippe hinter dem Anwesen der Familie in Maine in Gang gesetzt und seinen Vater zu Tode habe stürzen lassen. Anschließend sei er, obwohl nur von einer alten Haushälterin verdächtigt, der aber niemand glaubt, mit dem gestohlenen Pass seines älteren Bruders nach Europa weggelaufen und habe seitdem in England und Frankreich gelebt. Von Ripley wisse er durch seinen Vater, der ein (gefälschtes) Gemälde Derwatts besaß und die Verwicklungen aus „Ripley Under Ground“ in den Zeitungen verfolgt hatte.

Nach seinem Geständnis adoptiert Ripley den jungen Mann ad hoc: Er holt ihn in sein eigenes Haus, bewahrt so gut es geht das Inkognito Franks und will ihn nicht nur vor potentiellen Entführern beschützen, sondern besorgt ihm sogar einen gefälschten Pass und reist mit ihm nach Deutschland, als Franks Bruder zusammen mit einem Privatdetektiv in Paris auftaucht. Die Wahl des Reiseziels fällt auf Berlin, da man dort die wenigsten amerikanischen Touristen vermutet. Doch auch in Berlin wird Frank Pierson nahezu sofort erkannt und bei einem Ausflug in den Grunewald umgehend entführt, womit die Kriminalhandlung dieses nur hilfsweise als Krimi zu lesenden Romans beginnt. Nachdem Ripley bei einer gescheiterten Geldübergabe einen der Entführer erschlagen hat, gelingt ihm eine abenteuerliche Aktion, bei der er als Frau verkleidet die Entführer vom Ort einer vorgeblichen zweiten Geldübergabe aus verfolgt, in deren Wohnung eindringt, die Entführer in Panik versetzt und zur Flucht veranlasst und Frank unverletzt befreit. Nach einem Umweg über Hamburg bringt Ripley Frank nach Paris zu Bruder und Privatdetektiv, ja, er entschließt sich auch noch, Frank in die USA zu begleiten. Angesichts der vorherigen Männerfreundschaften Ripleys dürfte es keinen Leser verwundern, das auch Frank Pierson das Ende des Romans nicht erlebt.

Nachdem ich an „Ripley’s Game“ kritisiert hatte, dass die psychologische Charakterisierung des zweiten Protagonisten Jonathan Trevanny aufgrund der Fülle aufgeregter Handlungen zu kurz gekommen war, ist dieses Verhältnis hier vollständig umgekehrt. Zwar spielt Highsmith offenbar kurz mit dem Gedanken einer möglichen Verwicklung Ripleys in die Folgen des Deutschen Herbstes – die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers wird ausdrücklich erwähnt –, aber letztlich erweisen sich die Entführer Franks als eine Gruppe von Dilettanten ohne erkennbare politische Motive. Im Zentrum steht dagegen diesmal die Vater-Sohn-Beziehung Ripleys und Franks, wobei sich Highsmith selbst über diese merkwürdige emotionale Konstruktion lustig macht, wenn sie Ripley zusätzlich auch noch zu Franks Adoptiv-Mutter macht in dem Moment, als er sich anschickt, den Jungen aus den Händen der Entführer zu befreien. Auch diesmal erweist sich Ripley wieder als eine bemerkenswerte Mischung von empathischer und gefühlloser Natur: Einerseits geht er sorgsam und einfühlsam mit dem jungen Mann um, erweist sich zugleich als verantwortungsbewusst, indem er ihm zuredet, zu seiner Familie zurückzukehren, andererseits gelingt es ihm nahezu augenblicklich, jede Trauer um Franks Tod zu verdrängen und sich bruchlos wieder in sein altes Leben zu finden.

In erzähltechnischer Hinsicht ist es nett zu beobachten, wie Highsmith sich an dem Problem abarbeitet, den abschließenden Tod Franks ausreichend zu motivieren: Sie glaubt selbst nicht so recht, dass die Gewissensbisse des Jungen über die Tötung seines Vaters dafür ausreichen, sondern sie baut zusätzlich noch eine unglückliche Liebesgeschichte zu einer nie leibhaftig auftretenden Teresa (sozusagen Highsmith’ Rosaline) ein, um den für die Ripley-Romane charakteristischen Abgang des zweiten Protagonisten zu garantieren.

Ripley muss letztendlich allein bleiben, koste es, was es wolle, selbst wenn er in Frank wenigstens für eine Weile jemanden findet, in dem er sein früheres Selbst (Unsicherheit, Weltfremdheit, Verlangen nach Anerkennung und Liebe) widergespiegelt sehen kann. Ripley will in Frank wohl wesentlich noch einmal sich selbst retten, und nur weil der Junge eine ausreichende Projektionsfläche für diesen Narzissmus bietet, bemüht er sich so hartnäckig um ihn. Und so gerät dieser Roman zu dem psychologisch wohl spannendsten der Reihe.

Patricia Highsmith: Der Jungen, der Ripley folgte. Aus dem Amerikanischen von Matthias Jendis. detebe 23418. Zürich: Diogenes, 2006. Broschur, 476 Seiten. 11,90 €.

flattr this!

Aus gegebenem Anlass (XIII)

Reklamefahrten zur Hölle

In meiner Hand ist ein Dokument, das, alle Schande dieses Zeitalters überflügelnd und besiegelnd, allein hinreichen würde, dem Valutenbrei, der sich Menschheit nennt, einen Ehrenplatz auf einem kosmischen Schindanger anzuweisen. Hat noch jeder Ausschnitt aus der Zeitung einen Einschnitt in die Schöpfung bedeutet, so steht man diesmal vor der toten Gewißheit, daß einem Geschlecht, dem solches zugemutet werden konnte, kein edleres Gut mehr verletzt werden kann. Nach dem ungeheuren Zusammenbruch ihrer Kulturlüge und nachdem die Völker durch ihre Taten schlagend bewiesen haben, daß ihre Beziehung zu allem, was je des Geistes war, eine der schamlosesten Gaukeleien ist, vielleicht gut genug zur Hebung des Fremdenverkehrs, aber niemals ausreichend zur Hebung des sittlichen Niveaus dieser Menschheit, ist ihr nichts geblieben als die hüllenlose Wahrheit ihres Zustands, so daß sie fast auf dem Punkt angelangt ist, nicht mehr lügen zu können, und in keinem Abbild vermöchte sie sich so geradezu zu erkennen wie in diesem:

Kraus_Annonce

Aber was bedeutet wieder jenes Gesamtbild von Grauen und Schrecken, das ein Tag in Verdun offenbart, was bedeutet der schauerlichste Schauplatz des blutigen Deliriums, durch das sich die Völker für nichts und wieder nichts jagen ließen, gegen die Sehenswürdigkeit dieser Annonce! Ist hier die Mission der Presse, zuerst die Menschheit und nachher die Überlebenden auf die Schlachtfelder zu führen, nicht in einer vorbildlichen Art vollendet?
Sie erhalten am Morgen Ihre Zeitung.
Sie lesen, wie bequem Ihnen das Überleben gemacht wird.
Sie erfahren, daß 1½ Millionen eben dort verbluten mußten, wo Wein und Kaffee und alles andere inbegriffen ist.
Sie haben vor jenen Märtyrern und jenen Toten entschieden den Vorzug einer erstklassigen Verpflegung in der Ville-Martyre und am Ravin de la Mort.
Sie fahren im bequemen Personen-Auto aufs Schlachtfeld, während jene nur im Viehwagen dahingelangt sind.
Sie hören, was Ihnen da alles zur Entschädigung für die Leiden jener geboten wird und für ein Erlebnis, wovon Sie bis heute Zweck, Sinn und Ursache nicht zu erkennen vermochten.
Sie begreifen, daß es veranstaltet wurde, damit einmal, wenn von der Glorie nichts geblieben ist als die Pleite, wenigstens ein Schlachtfeld par excellence vorhanden sei.
Sie erfahren, daß es doch etwas Neues an der Front gibt und daß es sich heut dort besser leben läßt als ehedem im Hinterland.
Sie erkennen, daß das, was die Konkurrenz bieten kann, die bloß über die Toten der Argonnen- und Somme-Schlachten, über die Beinhäuser von Reims und St. Mihiel verfügt, eine Bagatelle ist neben der erstklassigen Darbietung der Basler Nachrichten, denen es unzweifelhaft gelingen wird, mit den Verlusten von Verdun ihre Abonnentenliste aufzufüllen.
Sie verstehen, daß das Ziel die Reklamefahrt und diese den Weltkrieg gelohnt hat.
Sie erhalten, und wenn Rußland verhungert, ein reichliches Frühstück, sobald Sie sich entschließen, dazu auch noch die Schlachtfelder von 1870/71 mitzunehmen, es geht in Einem.
Sie haben nach dem Mittagessen noch Zeit, die Einlieferung der Überreste der nicht agnoszierten Gefallenen mitzumachen, und nach Absolvierung dieser Programmnummer noch Lust zum Nachtessen.
Sie erfahren, daß die Staaten, deren Opfer Sie in Krieg und Frieden sind, Ihnen sogar, und das will viel heißen, die Paßformalitäten ersparen, wenn die Reise aufs Schlachtfeld geht und Sie sich nur rechtzeitig bei der Zeitung ein Ticket besorgen.
Sie erkennen, daß diese Staaten Strafparagraphen haben, welche das Leben und sogar die Ehre von Preßpiraten ausdrücklich schützen, die aus dem Tod einen Spott und aus der Katastrophe ein Geschäft machen und den Abstecher zur Hölle als Herbstfahrt besonders empfehlen.
Sie werden Mühe haben, diese Paragraphen nicht zu übertreten, aber dann den Basler Nachrichten ein Anerkennungs- und Dankschreiben schicken.
Sie bekommen unvergeßliche Eindrücke von einer Welt, in der es keinen Quadratzentimeter Oberfläche gibt, der nicht von Granaten und Inseraten durchwühlt wäre.
Und wenn Sie dann noch nicht erkannt haben, daß Sie durch Ihre Geburt in eine Mördergrube geraten sind und daß eine Menschheit, die noch das Blut schändet, das sie vergossen hat, durch und durch aus Schufterei zusammengesetzt ist und daß es vor ihr kein Entrinnen gibt und gegen sie keine Hilfe – dann hol’ Sie der Teufel nach einem Schlachtfeld par excellence!

Karl Kraus
Die Fackel, Nr. 577-582 (Nov. 1921)

flattr this!

Patricia Highsmith: Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund

Im Vergleich zur Mafia hielt Tom sich für fast tugendhaft.

Highsmith-Ripley-3Auch wenn der dritte Ripley-Roman erst 1974 erschien, ist seine Handlung nur sechs Monate nach der von „Ripley Under Ground“ angesiedelt. Sie knüpft unmittelbar an einen der erzählerischen Nebenstränge des Vorgängers an: Für Reeves Minot, einen Hamburger Hehler, hatte Ripley dort kleinere Aufträge erledigt, die zumeist darin bestanden, aus dem Gepäck von Bekannten kleinere Gegenstände zu entwenden, die Reeves dort platziert hatte, und in Paris abzuliefern. Nun versucht Reeves aber, sich in der Hamburger Glücksspiel-Szene zu etablieren. Dazu will er den Einfluss der Mafia zurückdrängen und zu diesem Zweck einen Krieg zwischen zwei Mafia-Familien anzetteln, der nicht nur diese Familien ablenkt und beschäftigt, sondern auch die Hamburger Polizei veranlassen soll, sich des Mafia-Problems anzunehmen.

Reeves sucht daher nach jemandem, der nicht mit der kriminellen Szene verbunden ist und dennoch bereit wäre, gegen Bezahlung einen oder zwei Morde auszuführen. Er fragt auch Tom Ripley, ob er jemanden kenne, der dafür in Frage komme. In einem Augenblick zynischen Humors schlägt Ripley einen kleinen Handwerker aus Fontainebleau vor, der ihn bei Gelegenheit einer Partie einmal unfreundlich behandelt hatte: Jonathan Trevanny ist Exil-Engländer und Bilderrahmer, verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes, und er ist an Leukämie erkrankt. Verständlicherweise macht er sich Sorgen darum, wovon Frau und Kind nach seinem Tod leben werden. Er ist also anfällig für das Angebot Reeves’, ihm für zwei Morde eine erhebliche Menge Geld auf ein Schweizer Konto zu überweisen.

Auf den ersten Mord lässt sich Jonathan noch relativ leicht ein: Er lässt sich von Reeves für eine medizinische Konsultation nach Hamburg einladen und erschießt während des dortigen Aufenthalts einen kleineren Mafioso auf einem U-Bahnhof. Das ganze läuft so glatt ab, wie es geplant war und Reeves zahlt auch einen Teil des versprochenen Geldes. Der zweite Mord ist deutlich kniffliger: Er soll auf einer Zugfahrt zwischen München und Paris geschehen, und Jonathan soll ihn statt mit einer Schusswaffe mit einer Würgeschlinge, einer Garotte ausführen. Außerdem handelt es sich bei dem zweiten Opfer um einen bedeutenderen Mann der Mafia, der von zwei Leibwächtern begleitet wird. Für alle Fälle hat Jonathan auch eine Schusswaffe dabei und ist kurz davor, sie zu benutzen, als wie aus dem Nichts Tom Ripley auftaucht und die Tötung des Mafioso an Jonathans Stelle übernimmt. Sie werfen dann auch noch gemeinsam einen der Leibwächter aus dem Zug.

Die Mafia ist nicht ganz so dumm, wie Reeves erwartet, und wirft eine Bombe in seine Hamburger Wohnung. Auch den erst nach Amsterdam und dann nach Ascona Geflohenen stöbert sie bald auf, und so führt sie die Spur sehr bald zu Ripley und schließlich auch zu Jonathan. Auch diesmal werde ich die konkrete Auflösung des Romans natürlich nicht verraten, aber es geht auch in diesem Fall nicht ohne weitere Tote ab.

„Ripley’s Game“ folgt insoweit dem Muster von „Ripley Under Ground“ als auch hier ein weiterer Protagonist an Ripleys Seite tritt. Leider geht das Konzept in diesem Fall nur bedingt auf. Sicherlich ist Jonathan Trevanny eine spannende Figur: ein Normalbürger, durch seine Vorgeschichte entwurzelt und aufgrund seiner tödlichen Erkrankung verführbar, der sich aus Sorge für Frau und Kind auf ein Verbrechen einlässt, dessen Folgen er nicht absehen kann. Als diese Folgen dann eintreten, erweist er sich einerseits als vergleichsweise hilflos, besonders was seine Frau angeht, andererseits aber als gedankenlos mutig, beinahe skrupellos, was den Kampf mit der Mafia betrifft. Doch bleiben diese Eigenschaften letztlich unvermittelt nebeneinander stehen, da Highsmith vor lauter Betriebsamkeit der Handlung nicht recht dazu kommt, den Charakter Jonathans zu entwickeln. Bis zuletzt ist er zwar in seiner Motivation, nicht aber als Persönlichkeit verständlich.

Dagegen wird Ripleys Charakter um ein paar charmante Details ergänzt: Zwar stürzt er Jonathan wegen einer Kleinigkeit in eine Situation, der er offenbar nicht gewachsen sein kann, aber er hat zugleich Gewissen genug, ihn auf dem Höhepunkt der sich daraus ergebenden Schwierigkeiten zu retten, nicht ohne ein beträchtliches Vergnügen aus der Gefahr zu ziehen, in die ihn der Mord an einem Mafioso bringt. Am hübschesten aber fand ich eine kleine Nuance, die sich zeigt, als Ripley daran geht, zwei weitere von ihm ohne Zögern ermordete Mafiosi in ihrem Wagen zu verbrennen:

Tom goß Benzin über die Zeitungen und die beiden Leichen darunter, spritzte auch ein bißchen auf das Dach und auf die Polster der Vordersitze, die leider aus Plastik waren, nicht aus Stoff. Er blickte hinauf in die Bäume, deren Äste genau über ihm ein fast geschlossenes Dach bildeten; das frische Laub war noch nicht sommerlich grün. Ein paar Blätter würden versengt werden, aber es war ja für eine gute Sache.

Bleibt vielleicht für Leser mit der Gnade der späten Geburt noch der deutsche Untertitel zu erklären: „Der amerikanische Freund“ ist der Titel der Verfilmung des Romans durch Wim Wenders, die 1977 in die Kinos kam und so den Untertitel für die Erstauflage der Taschenbuchausgabe lieferte, die im selben Jahr erschien. Die Wendung vom „amerikanischen Freund“ findet sich übrigens gleich mehrfach in „Ripley Under Ground“, den Wenders in seiner Verfilmung zum Teil mit verarbeitet hatte. Jedenfalls hat Diogenes den etwas merkwürdigen Nachklapp zum englischen Originaltitel auch für die Neuübersetzung von 2003 übernommen.

Patricia Highsmith: Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund. Aus dem Amerikanischen von Matthias Jendis. detebe 23416. Zürich: Diogenes, 2004. Broschur, 404 Seiten. 10,90 €.

flattr this!

Aus gegebenem Anlass (XII) – Bloomsday

So isses, klar. Wat sächste? Inner Flüsterkneipe. Stockvoll. Ick säi di, Jung. Bantam, zwo Tage alkoheilfro. Säuft nischt wie billigen Rotwein. Ab durch die Mitte! Hier, kuckmal, kuck doch mal her. Kruzitürken, ich schlag doch lang hin. Und zum Frisör ist er auch gewesen. Zu voll zum sprechen. Mit ’nem Kerl von der Eisenbahn. Wie kommste da denn zu? Ne Oper, die ihm gleicht? Rose of Castille. Rows of cast. Polizei! Bißchen H2O für ’nen Herrn, dem die Sinne schwinden. Kuck doch mal Bantam seine Blümchen. Ach herrjemineh, der fängt gleich an zu hollern. O Colleen Bawn, mein schickes Miezchen. Mensch, halt doch die Klappe! Hau dem Kerl mal die Schluckluke zu, aber feste. Hatte den Gewinner heute, bis ich dann den todsicheren getippt hab. Der Deubel soll dem Stephen Hand die Rübe abreißen, daß er mir die biestige Mähre angedreht hat. Traf ’n Telegrammjungen, der grad ’n Tele von dem graußen Bass sei’m Sattelplatz zum Polizei-Depot brachte. Steckt ihm ’n Vierpenny und macht das Ding über Dampf auf. stute groß in form sofort setzen. Ne ganze Guinee auf so ne Niete. Toller Kram, das. So wahr wies Evangelium. Grober Unfug? Aber sicher, glaub ich ja auch. Klare Sache. Landet er glatt für im Stock, wenn der Polyp hinter das Spielchen kommt. Madden setzt auf Madden seins ’nen madigen Einsatz. O Wollust, du unsere Zuflucht und unsere Stärke. Aufbruch. Mußt du schon gehn? Ab zu Mama. Auf Abruf bereit. Versteck mir bloß einer die roten Ohren. Wenn er mich sieht, sitz ich drin. Muß in die Heia, unser Bantam. Orrevoah, mong viöh. Vergiß nicht die Bliemchen für sie. Von wem hast du den Tip gehabt eigentlich, für das Füllen? Unter uns Pastorentöchtern. Mal ehrlich. Von Meister Iste, ihrem vertrauten Manne. Kein Schmu, von dem ollen Leo. Also alles was recht ist, so wahr mir Gott. Ich laß mich kielholen, wenn ich das. So ein Dreckskerl von einem scheinheiligen Lügner. Weshalb haste mir nischt jesacht davon? Ja, also, sag ich, wenn das nich die typisch jiddsche mloche is, ja, dann will ich ne missemeschune haben. Und von Schäbigkeit zu Schäbigkeit, Amen.

James Joyce:
Ulysses

flattr this!

Patricia Highsmith: Ripley Under Ground

Tom wußte es. Er war ein mystischer Ursprung, ein Quell des Bösen.

Highsmith-Ripley-2Erst im Jahr 1970, also 15 Jahre nach dem Auftakterfolg „Der talentierte Mr. Ripley“ liefert Patricia Highsmith den zweiten Roman um den Betrüger, Hochstapler und Mörder Thomas Ripley. Die Handlung spielt wahrscheinlich im Jahr 1968 in der Hauptsache in einem kleinen Dorf in Nordfrankreich und London. Tom Ripley führt inzwischen ein zurückgezogenes und unauffälliges Leben als amerikanischer Neureicher in Europa: Er ist verheiratet mit Héloïse, Tochter aus reichen Hause, und vertreibt sich seine Zeit zumeist mit Lesen, Gartenarbeit und Malen. Seine Einkünfte stammen nicht nur aus dem Erbe Dickie Greenleafs, das er sich am Ende des Vorläuferromans zu erschwindeln gewusst hatte, sondern auch aus einem kleinen Kunstfälscherring, den zu gründen er die Idee hatte und dessen stiller Teilhaber er ist.

Die Hauptakteure der Kunstfälscher sitzen in London und sind drei Freunde des verstorbenen Malers Philip Derwatt, der sich vor etwa acht Jahren in Griechenland umgebracht hat. Die Freunde – unter ihnen der Maler Bernard Tufts –, die zuerst erfolgreich Bilder aus dem Nachlass Derwatts auf den Markt brachten, fangen zuerst an, den Nachlass durch Fälschungen Tufts zu erweitern und lassen schließlich, auf Anregung Tom Ripleys, Derwatt, dessen Leiche nie gefunden wurde, wieder auferstehen, um die Geschäfte fortführen zu können: Derwatt lebe angeblich zurückgezogen in einem kleinen Dorf in Mexiko, von wo aus er seine Gemälde regelmäßig nach London expediere, um sie über die Galerie seiner Freunde Ed und Jeff verkaufen zu lassen. Darüber hinaus partizipieren die Freunde und Ripley auch an einer Firma, die Künstlerbedarf unter dem Namen Derwatts vertreibt und einer Derwatt-Kunstschule in Perugia.

Die Handlung des Romans setzt ein, als der amerikanischer Sammler Thomas Murchison den Verdacht entwickelt, bei einem von ihm erworbenen Derwatt-Gemälde handele es sich um eine Fälschung: Murchison ist aufgefallen, dass für das von ihm erworbenen Bild eine Farbe verwendet wurde, die Derwatt zuvor bereits aufgegeben und durch eine Mischung anderer Farben ersetzt hatte. Tom Ripley hat den Einfall, sich als Derwatt zu verkleiden und überraschend in London zu erscheinen, um Murchison die Echtheit seines Bildes persönlich zu garantieren. Murchison fällt zwar auf die Verkleidung herein, lässt aber nicht von seiner Theorie ab, sondern ist eher geneigt zu glauben, Derwatt selbst könne in das Geschäft mit den Fälschung verwickelt sein, um seine lukrative Produktion auf diese Weise zu erweitern. Ripley wechselt  daraufhin die Strategie, sucht nun unverkleidet die Bekanntschaft Murchisons und überredet ihn, ihn nach Frankreich zu begleiten, um dort zwei weitere Bilder Derwatts zu begutachten.

Im Hause Ripleys erweist sich Murchison als immun gegen die Überredungskünste Ripleys, so dass diesem am Ende nichts besseres mehr einfällt als Murchison in seinem Keller zu erschlagen und die Leiche in der Nähe seines Hauses zu vergraben. Das Gepäck Murchisons fährt er zum Flughafen Orly und lässt es dort einfach auf dem Bürgersteig stehen, in der Hoffnung, dass es bald gestohlen werde.

Dies alles macht etwa das erste Drittel des Romans aus; die restlichen zwei Drittel erzählen zum einen von Toms Anstrengungen, den Nachforschungen der französischen und englischen Polizei zu entkommen, zum anderen von seinen Bemühungen, den nervösen und depressiven Fälscher Bernard Tufts unter Kontrolle zu halten, der durch das Auftauchen Murchisons in Panik versetzt worden ist. Tufts ist die psychologisch bei weitem interessanteste Figur des Romans: Sein Erfolg als Fälscher des von ihm bewunderten Derwatt stört nachhaltig sein Selbstbild. Im Grunde ist er der Überzeugung, Derwatt malerisch nicht das Wasser reichen zu können, sieht aber zugleich, dass erst seine Fälschungen Derwatts Erfolg begründet haben. Sein eigenes Werk hat sich im Gegensatz zu dem Derwatts in den Jahren der Fälschertätigkeit nicht weiter entwickelt; außerdem ist er tief in seinem Inneren davon überzeugt, dass er das künstlerische Vermächtnis Derwatts durch die Fälschungen trivialisiert hat.

Die Kombination aus Angst vor der Entdeckung, Gewissensbissen und Identitätsverlust treibt Tufts an den Rand des Wahnsinns. Nachdem er von Tom Ripley zu einem Komplizen des Mordes an Murchison gemacht wurde, versucht er, Tom umzubringen, begräbt den vermeintlich Toten in dem ehemals für Murchison bestimmten Grab – aus dieser Episode ergibt sich der Titel des Romans – und flieht. Da Tom befürchten muss, dass Tufts sich der Polizei offenbaren wird, um die für ihn unerträgliche Situation zu beenden, macht er sich auf die Suche nach ihm; er stellt ihn nach Umwegen schließlich in Salzburg. Auch hier sei natürlich der Verlauf des Finales und Toms abschließende Lösung all seiner Schwierigkeiten nicht verraten.

„Ripley Under Ground“ ist eine beeindruckende Fortsetzung des Stoffs: Während „Der talentierte Mr. Ripley“ ein ironisches Spiel mit dem Coming-of-Age-Muster (das einen Aspekt des klassischen Entwicklungsromans variiert) darstellte, liefert der Nachfolger nicht nur ein psychologisch weit spannenderes Figurenensemble – und bereitet in einer Nebenhandlung die Fortsetzung der Romanreihe vor–, er hebt auch die Figur Ripleys auf eine andere Ebene. Der zuvor etwas unsichere, suchende junge Mann hat sich in einen selbstsicheren und mit sich und seiner Stellung in der Welt im Reinen befindlichen Erwachsenen verwandelt, der nur eben leider seine Einkünfte aus nicht ganz legalen Geschäften bezieht. Es ist nur dieses unglückliche Detail, das ihn immer wieder dazu nötigt, das zu tun, was andere als das Böse ansehen, er selbst aber nur als unvermeidliche Folge ungünstiger Umstände begreift. Er ist kein Verbrecher aus Leidenschaft (und auch kein Serienmörder, als der er ab und an bezeichnet wird), sondern ein Mensch, dem all das Mühe und Unannehmlichkeiten bereitet, die er lieber vermieden hätte. Das einzige, was ihm wirklich fehlt, ist ein Gewissen, aber gerade das ist es, was ihn in seinem Geschäft so erfolgreich macht. Wahrscheinlich ist es die bis auf diesen einzigen Aspekt weitgehende Normalität Ripleys, die uns diese Figur mehr als gerade noch erträglich macht.

Patricia Highsmith: Ripley Under Ground. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. detebe 23414. Zürich: Diogenes, 2003. Broschur, 443 Seiten. 11,90 €.

flattr this!

Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley

Irgend etwas fand sich immer. Das war Toms Credo.

Highsmith-Ripley-1Wie die regelmäßigen Leser meiner Nachtwachen sicherlich schon bemerkt haben, werden hier ausgesprochen selten Kriminalromane besprochen: Friedrich Dürrenmatt etwa ist eine Ausnahme, auch Arthur Conan Doyle wird seit langer Zeit in der Randspalte mitgeschleppt, aber sonst sind Mörderromane eher spärlich vertreten. Natürlich bleibt man in einem langen Leseleben nicht gänzlich unbeleckt: Chestertons Pfarrer Brown kenne ich ebenso vollständig wie Glausers Wachtmeister Studer, aber eine systematische oder auch nur ein wenig umfassendere Kenntnis des Genres fehlt mir. Das liegt wohl in der Hauptsache daran, dass es mir wie Marcel Reich-Ranicki ergeht – den ich sonst nicht gerne als Eideshelfer anführe:

Ich mag nämlich Kriminalromane nicht, es gibt einen Fehler bei mir, es liegt nur an mir, ich will gar nicht wissen, wer ermordet hat. Wer der Mörder ist, es ist kein Problem für mich.

Doch bin ich kürzlich zufällig erneut über Matt Damons Talentierten Mr. Ripley gestolpert, der mich neugierig darauf gemacht hat, die Serie der Ripley-Romane noch einmal zu lesen. Ich konnte dann auch noch erfreut feststellen, dass Diogenes die fünf Bücher inzwischen von guten Übersetzern hat neu übersetzen lassen, so dass es heute losgeht mit einer kleinen Ripley-Lesereihe:

„Der talentierte Mr. Ripley“ eröffnete 1955 die Serie. Die Handlung setzt ein in einem nicht genauer bestimmten Jahr der 1950er in New York: Der junge Tom Ripley, der sich zuvor mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hatte, hat gerade eine Karriere als Gesetzesbrecher begonnen: Bei seinem letzten Job für die Steuerbehörde hat er sich eine Liste von Namen verschafft und versucht nun mit mäßigem Erfolg, fiktive Steuernachzahlungen einzutreiben. Doch bekommt er eine Chance, sich zu verbessern: Der Reeder Herbert Greenleaf will ihn nach Europa schicken, damit er seinen in Italien befindlichen Sohn Richard (Dickie), mit dem Tom eher flüchtig bekannt ist, überredet, nach Amerika zurückzukehren. Dickie, der sich aus einem eigenen, kleinen Vermögen finanziert, lebt als Maler ein sorgenfreies Leben in einem kleinen süditalienischen Küstenort namens Mongibello. Er ist dort mit der US-amerikanischen Schriftstellerin Marge Sherwood befreundet, die sich von dieser Beziehung wohl vergeblich eine Ehe erhofft. Als Tom bei ihm eintrifft wird schnell klar, dass Dickie keinerlei Neigung hat, sein bequemes Leben in Italien aufzugeben.

Tom gelingt es vergleichsweise rasch, sich mit Dickie zu befreunden und ihn von Marge mehr und mehr zu isolieren. Je mehr Zeit die beiden Männer miteinander verbringen, desto mehr identifiziert sich Tom mit Dickie und versucht ihn zu imitieren. Schließlich überredet er ihn zu einer Reise zu zweit nach Norditalien, wo er auf Dickies immer größer werdende Distanziertheit mit einem Mordplan reagiert, den er in Sanremo während einer Bootsfahrt dann umsetzt: Er erschlägt Dickie mit einem Ruder, versenkt seine Leiche mit dem Anker des Bootes und anschließend in Ufernähe auch das Boot. Nachdem er Dickie beseitigt hat, schlüpft er in dessen Rolle und lebt eine Zeitlang ungestört als Dickie Greenleaf in Rom.

Zur Krise des Romans kommt es, als mit Fredie Miles ein Freund Dickies auftaucht, der Toms Hochstapelei zu enttarnen droht. Tom weiß sich in seiner Überrumpelung nicht anders zu helfen, als Fredie umgehend zu erschlagen. Natürlich wird die Leiche schnell entdeckt, und Tom gerät in seiner Rolle als Dickie einerseits mehr und mehr in den Verdacht, in den Mord wenigstens verwickelt zu sein und droht andererseits durch eine Begegnung mit der um Dickie besorgten Marge aufzufliegen. Er setzt sich daher zuerst nach Palermo ab, gibt dann aber Dickies Identität auf und reist als Tom Ripley nach Venedig. Als dann auch noch Dickies Vater und ein von diesem engagierter Privatdetektiv in Venedig auftauchen, ist Tom einem Nervenzusammenbruch nahe. Es sollen die letzten Wendungen der Geschichte hier nicht ausgeplaudert werden, aber man kann sich aufgrund der nachfolgenden Bände schon denken, dass es nicht ganz und gar vernichtend für Tom Ripley endet.

Tom Ripley ist ein paradimatisch negativer Protogonist: Er ist narzistisch – und bestreitet übrigens wahrscheinlich zu Recht, homosexuell zu sein, da er nur sich selbst wirklich zu lieben in der Lage ist –, unsympathisch, rücksichtslos und ihm fehlt jegliche Moral. Er kennt kein Mitleid, weder für seine Opfer noch für sonst jemanden außer sich selbst. Ihm fehlt es an Persönlichkeit und Kultiviertheit, weshalb ihn Dickies ungekünstelte Selbstsicherheit fasziniert und er dessen Persönlichkeit zu imitieren versucht. Er ist überheblich bis zur Dummheit und hat mehr als einmal schlicht Glück, mit seinen Plänen und Intrigen durchzukommen. Trotz dieser ungewöhnlich umfangreichen Ansammlung negativer Eigenschaften, gelingt es einem als Leser nicht, sich von der Faszination für diese Figur vollständig freizumachen. Das liegt zum einen natürlich an der von Highsmith sehr wirkungsvoll eingesetzten personalen Erzählperspektive, die alle Ereignisse aus Ripleys Perspektive schildert und an seine Einschätzungen bindet. Zum anderen ist es natürlich die immer wach gehaltene Frage, ob es ihm tatsächlich gelingen wird, seine Verbrechen und Hochstapelei durchzusetzen. Und man muss Highsmith zugute halten, dass sie ihr Geschäft als Kriminalautorin versteht; nur an einer einzigen Stelle ist wenigstens mir ein Detail unklar geblieben, nämlich wo Ripley das Gepäck Dickies lässt, als er aus Sanremo flüchtet. Aber es mag sein, dass ich da etwas überlesen habe.

[Nachtrag 21.07.2014: Wie man dem Kommentar von Sven entnehmen kann, habe ich in der Tat etwas überlesen.]

Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. Lizenzausgabe: SZ-Bibliothek, Bd. 16. München: Süddeutsche Zeitung, 2004. Pappband, 333 Seiten. Lieferbar als Diogenes Taschenbuch, detebe 23404. Zürich: Diogenes, 72003. Broschur, 426 Seiten. 11,90 €.

flattr this!