Allen Lesern ins Stammbuch (88)

Über Tisch war Lenz wieder in guter Stimmung: man sprach von Literatur, er war auf seinem Gebiete. Die idealistische Periode fing damals an; Kaufmann war ein Anhänger davon, Lenz widersprach heftig. Er sagte: Die Dichter, von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit, hätten auch keine Ahnung davon; doch seien sie immer noch erträglicher als die, welche die Wirklichkeit verklären wollten. Er sagte: Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht, wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen; unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist. Das Gefühl, daß, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen. Übrigens begegne es uns nur selten: in Shakespeare finden wir es, und in den Volksliedern tönt es einem ganz, in Goethe manchmal entgegen; alles übrige kann man ins Feuer werfen. Die Leute können auch keinen Hundsstall zeichnen. Da wollte man idealistische Gestalten, aber alles, was ich davon gesehen, sind Holzpuppen. Dieser Idealismus ist die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur.

Georg Büchner
Lenz

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James Shapiro: Contested Will

Shapiro-Contested-WillDer seltene Fall eines Buches über die Frage nach der Urheberschaft von Shakespeares Werken, das von einem Stratfordianer verfasst ist.

Wie auch hier bereits dargestellt, gibt es seit dem 19. Jahrhundert eine breite populär- und fachwissenschaftliche Diskussion der Frage nach dem Autor von Shakespeares Werken. Es stehen derzeit wohl in der Hauptsache noch drei Kandidaten zur Diskussion: Francis Bacon, Christopher Marlowe und Edward de Vere. Shapiro geht nur auf zwei dieser Kandidaten ausführlich ein, während er den Fall Marlowe, der allerdings auch auf extrem spekulativen Grundlagen beruht, für erledigt zu halten scheint. Auch Bacon behandelt er eher als historische Position, da mit der Spekulation um dessen Autorenschaft der erste ernsthafte und umfangreiche Versuch unternommen wurde, den Stratforder Kaufmann durch eine Person zu ersetzen, die den modernen Ansprüchen an einen Autor besser gerecht wird. Die einzige noch lebendige Theorie aber dürfte die um Edward de Vere sein, wenn auch hier einige der extremeren Spielarten, in denen Edward de Vere kurz davor ist, als sein eigener Großvater aufzutreten, ebenfalls als weitgehend erledigt angesehen werden dürfen.

Shapiros Darstellung verfolgt zwei Ziele: Zum einen möchte er die historische Entwicklung der alternativen Verfassertheorien darstellen und auf diese Weise verständlich machen, warum Menschen überhaupt auf den Gedanken verfallen, sich einen besseren Autor für Shakespeare Stücke zu wünschen. Zum anderen führt er in einem eigenen Kapitel eine ganze Reihe von Argumenten auf, die insbesondere Edward de Vere als Verfasser ausschließen. In einem Epilog findet sich zudem eine Kritik an der allgemein weitgehend spekulativen biographischen Tradition, in der auch die meisten Biographien des Stratforders stehen. Das seit dem 18. Jahrhundert Stufe für Stufe entstandene Bild vom Zusammenhang zwischen der Biographie und dem Werk eines Autors wird zu Recht für die Elizabethanische Zeit als nicht zielführend zurückgewiesen.

Das Buch beweist nicht in einem positivistischen Sinne – und will dies auch gar nicht –, dass der Stratforder William Shakespeare der Autor der ihm zugeschriebenen Werke ist. Es zeigt aber einleuchtend auf, dass zum einen die vorgeschlagenen Alternativen noch sehr viel unwahrscheinlichere Kandidaten sind, und dass es zum anderen zwischen etwa 1592 und 1610 einen wohlbekannten Londoner Schauspieler und Stückeschreiber gegeben hat, dem ein gebildeter Teil des Publikums und zahlreiche Kollegen die unter dem Namen Shakespeare veröffentlichten Stücke zugeschrieben und zugetraut haben und von dem zumindest einige dieser Kollegen wussten, dass er aus Stratford stammt. Man kann sich nun dagegen wehren wollen und all dies auch weiterhin einer Art von Verschwörung zuschreiben, allerdings muss man dabei wohl zugleich eingestehen, dass es auch nicht ein einziges authentisches, auf eine solche Verschwörung hinweisendes Dokument gibt.

Am Ende bleibt es dabei: Wir verstehen es nicht, aber es scheint tatsächlich so zu sein, wie es zu sein scheint.

James Shapiro: Contested Will. Who wrote Shakespearte? London: Faber and Faber, 2010. Pappband, Fadenheftung, 367 Seiten. Derzeit wohl nur im Taschenbuch für ca. 13,– €.

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Und die Moral von der Geschicht’

Spiegel-17-2016Das Hamburger Satire-Magazin DER SPARGEL Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL widmet das Titelblatt seiner Nr. 17 vom 23. April 2016 dem „Terror-Experten“ William Shakespeare. Neben dem unvermeidlichen Artikel von Volker Weidermann – dem Anschein nach der einzige, den man beim Spiegel kennt, der ernsthafte Literatur liest – liefert das Heft in einer Rubrik, die „Bildung“ überschrieben ist, auch eine Übersicht über „Shakespeares größte Hits“, stellt also den Stratforder Barden in direkte Konkurrenz zu Helene Fischer und Heino. Immerhin haben es fünf der 37 Stücke in die Spiegel-Charts geschafft: „Hamlet“, „Romeo und Julia“, „Richard III.“, „Othello“ und „König Lear“ sind dem Spiegel-Redakteur bekannt. Keine der beim Pöbel Publikum so beliebten Komödien hat es die Top-5 geschafft, auch nicht „Der Sturm“ oder so abseitige Sachen wie „König Heinrich V.“ oder „Julius Cäsar“.

Und da die Rubrik „Bildung“ heißt, hat man neben ebenso kurzen wie launigen Inhaltsbeschreibungen und dazugehörigen Bildchen auch drei bildende Lemmata pro Stück: „Vorbilder“, „Ewigkeitswert“ und „Fans“ (worunter trotz dem einleitenden Plural jeweils nur 1 Fan genannt wird). Der eigentlich Gewinn zur Bildung steckt natürlich im „Ewigkeitswert“. Hier finden sich so tiefschürfende Einsichten wie

Hamlet ist bis heute eine Symbolfigur für jugendlichen Aufruhr gegen die Erwachsenenwelt, für den moralischen Protest eines jungen Helden, der zum ersten Mal mit dem Bösen der Realpolitik konfrontiert wird.

Es ist also der Geist des moralischen Protestes, der nächtens auf der Terasse des Schlosses von Helsingör spukt, nicht der von Hamlets Vater. Und es ist Hamlets überaus moralische Haltung, die zum Tod Ophelias führt. Was für ein Glück, dass es heute wie damals kaum mehr „junge Helden“ gibt, die sich diese Moral des Stückes aneignen könnten.

Was gibt es sonst noch zu lernen? Dass „Romeo und Julia“ das „größte Stück über die Liebe überhaupt“ und „Othello“ der „Inbegriff des Eifersuchtdramas“ sind, wundert nicht. Interessanter ist da schon der Ewigkeitswert von „Richard III.“:

Überzeitliche Charakterstudie über die Verführungskraft des Bösen

“Luke, I am your father!”

Und „König Lear“ liefert fast wie selbstverständlich den ewigsten Wert:

Bis heute gültige Lektion in Altersstarrsinn – und darin, wie man durch eitle Rechthaberei ein Lebenswerk sowie die eigene Familie zerstört.

O Shakespeare, mit Grausen sehn wir dich von weitem!

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James Shapiro: A Year in the Life of William Shakespeare: 1599

Shapiro-1599Alle biographischen Bücher über William Shakespeare haben mit einer großen Schwierigkeit zu kämpfen: Wir wissen so gut wie nichts über den Mann. Das ist für Menschen der Elizabethanischen Epoche durchaus nichts ungewöhnliches; auch über viele andere Autoren, Künstler, Wissenschaftler etc. der Zeit wissen wir vergleichsweise wenig. Da unsere Zeit aber dem Aberglauben an die Ausnahmepersönlichkeit huldigt, verlangt sie nach Biographien. Shakespeares Biographen helfen sich aus dieser Notlage normalerweise mit einem (oder mehreren) der folgenden Tricks heraus: Entweder sie spekulieren sich ein Leben Shakespeares einfach zusammen (bzw. sie schreiben die Spekulationen anderer ab) oder sie schreiben stattdessen über England, seine allgemeine Kultur oder spezieller über das Theaterwesen der Epoche. Oder sie schreiben die Biographie eines ganz anderen Menschen und behaupten, dieser habe Shakespeares Theaterstücke geschrieben.

James Shapiros Bestseller (dem er mit “1606” inzwischen auch noch ein weiteres Jahresbuch hat folgen lassen) geht grundsätzlich den zweiten Weg: Es konzentriert sich auf die historischen Ereignisse des Jahres 1599, das Shapiro als ein Wendejahr in der Entwicklung Shakespeares begreifen möchte. In diesem Jahr wurde das Globe-Theater errichtet, und Shapiro argumentiert dafür, dass Shakespeare in diesem Jahr einen wesentlichen Schritt in der Entwicklung zum Ausnahmeschriftsteller seiner Zeit getan habe. Shapiro betont außerdem, dass eine angemessene Rezeption Shakespeares ohne die Kenntnis der Kultur und Geschichte seiner Zeit nicht möglich ist, ein Grundsatz, der in dieser Allgemeinheit natürlich einerseits eine Banalität darstellt, dem andererseits aber bis heute in der Phase von der Zeitlosigkeit Shakespeares eine weitere Banalität entgegensteht.

Der Leser sollte von Shapiros Buch nun nicht alle jene Einsichten in das Leben Shakespeares erwarten, die er aus anderen Biographen über den Schwan vom Avon nicht hat erhalten können. Shapiro erzählt die tagespolitischen und kulturellen Ereignisse des Jahres 1599 nach, soweit wir sie noch kennen: den Feldzug Essex’ gegen Irland und den Anfang vom Ende dieses Machtpolitikers, die gegenstandslose Armada-Hysterie des Jahres 1599, die Gründung der East India Company, den Tod und die Beisetzung Edmund Spensers, den Neubau des Globe, den Weggang des Clowns William Kemp von den Chamberlain’s Men und einige Kleinigkeiten mehr. Außerdem setzt er sich mit vier von Shakespeares Stücken auseinander, deren Entstehung wahrscheinlich in das Jahr 1599 fällt: „König Heinrich V.“, „Julius Cäsar“, „Wie es Euch gefällt“ und „Hamlet“. Shapiro gelingt dabei keine sehr enge Verbindung zwischen den geschilderten Ereignissen und den Theaterstücken. Einsichten wie die folgende sind das äußerste, was man erwarten darf:

Born into a world in which the old religion had been replaced by the new, and like everybody else, living in nervous anticipation of the imminent end of Elizabeth’s reign and the Tudor dynasty, Shakespeare’s sensitivity to moments of epochal change was both extraordinary and understandable. In Hamlet he perfectly captures such a moment, conveying what it means to live in the bewildering space between familiar past and murky future. [S. 279]

Es ließe sich hier nun zu Recht einwenden, dass beinahe jeder Schriftsteller zu jeder Zeit “in the bewildering space between familiar past and murky future” gelebt habe oder sich wenigstens einbilden durfte, das zu tun, dass aber kein anderer einen „Hamlet“ daraus zustande gebracht hat. Doch Shapiro würde sich gegen diesen Einwand kaum zur Wehr setzen. Es geht ihm überhaupt nicht darum, Shakespeare Stücke konsequent aus ihrer Zeit heraus zu entwickeln, sondern er glaubt nur, dass sich beliebte Missverständnisse vermeiden lassen, wenn man sie aus ihrer Zeit heraus zu verstehen versucht.

Hat man die im Großen und Ganzen eher lockere Parallelität zwischen Epochenerzählung und Interpretation der Stücke akzeptiert, ist Shapiros Buch eine anregende und sehr informative Lektüre. Es ist daher kein Wunder, dass das Buch auch nach mehr als 10 Jahren noch nicht auf Deutsch vorliegt.

James Shapiro: A Year in the Life of William Shakespeare: 1599. New York, London u.a.: HarperCollins, 62010. Broschur, 410 Seiten. Ca. 13,– €.

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Alfred Andersch: Der Vater eines Mörders

Andersch-VaterAlfred Andersch ist einer meiner kleineren Hausheiligen. Einige seiner frühen Texte sind ideologisch unnötig deutlich, aber die positive Unbestimmtheit seiner Texte nimmt mit der Zeit erfreulich zu, und mit „Winterspelt“ hat er einen der wichtigen deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts geschrieben.

Bei „Der Vater eines Mörders“ handelt es sich um die letzte von sechs Erzählungen, die um den Protagonisten Franz Kien herum erfunden wurden. Bei Franz Kien handelt es sich gemäß dem Bekenntnis des Autors um sein literarisches Alter ego und die Erzählungen verarbeiten daher direkt autobiographisches Material, persönliche Erinnerungen. In diesem speziellen Fall handelt es sich wesentlich um eine Schulstunde im Jahre 1928, genauer eine Griechisch-Stunde, in der Franz Kien vom Rektor des Wittelsbacher Gymnasiums in München geprüft und für zu faul befunden wird. Diese Stunde bildet deshalb einen Wendepunkt in der Lebensgeschichte Franz Kiens, weil aus ihr sein Verweis vom Gymnasium resultiert, er in eine kaufmännische Lehre wechseln und einer ungewissen Zukunft entgegen gehen muss. Er teilt dies Geschick mit seinem Bruder.

Die eigentliche Ursache der Schulverweise aber liegt woanders: Franz’ Vater, ein Offizier des Ersten Weltkriegs, ist erkrankt und ohne Arbeit und kann daher das Schulgeld für seine Söhne nicht aufbringen. Der Rektor lässt die beiden Brüder aus Einsicht in die Notlage ihres Vaters dennoch das Gymnasium weiterhin besuchen, doch kann eine solche Subvention der Knaben nur durch entsprechende schulische Leistungen gerechtfertigt werden. Da sich beide aber mehr oder weniger durch den Schulbetrieb durchmogeln, erbringt der Rex in der geschilderten Schulstunde den öffentlichen Beweis, dass Franz Kien als Schüler nicht zu halten ist. Insoweit ist die gesamte Stunde eine Inszenierung, eine Vorführung, in der der Schüler Kien seine Rolle zu spielen hat, und er schlägt sich, sieht man von seinen mangelhaften Griechisch-Kenntnissen einmal ab, dabei ganz respektabel.

Ihren für den oben geschilderten Inhalt eher merkwürdigen Titel bezieht die Erzählung aus der Tatsache, dass im Jahr 1928 der Rektor des Wittelbacher Gymnasiums Gebhard (der Vorname kommt bei Andersch nirgends vor) Himmler war, der Vater des späteren Anführers der SS und Massenmörders Heinrich Himmler. In diesem Detail ragt die Erzählung sozusagen in eine Wirklichkeit hinein, deren Fürchterlichkeit in ihr selbst nicht realisiert ist und nicht realisiert werden kann. Das Interessanteste an dem historischen Faktum, dass es Gebhard Himmler war, der entscheidend in Alfred Anderschs Lebenslauf eingegriffen hat, ist aber, dass Andersch sich selbst nicht darüber klar ist, ob und was das eigentlich zu bedeuten hat.

Die Erzählung hat – wie gute Literatur das immer tut – zahlreiche, oft nicht oder nur unzureichend vom Text gedeckte Reaktionen hervorgebracht: Den Anlass dafür, dass ich das Buch nach vielen Jahren wieder zur Hand genommen habe, bilden zwei solche Rezeptionszeugnisse.

Dass [Heinrich] Himmler keineswegs – wie Alfred Andersch in seiner bekannten Erzählung Der Vater eines Mörders von 1980 behauptet hat – aus protofaschistischen Verhältnissen kam, hat spätestens Peter Longerich in seiner Biographie von 2008 belegt. Vielmehr war Himmlers Münchner Elternhaus zwar konservativ und streng katholisch, aber bildungs- und nicht kleinbürgerlich.

Bastian Hein1

Nun ist es einerseits etwas schwierig, dass Andersch in einer Erzählung etwas behauptet haben soll, denn es handelt sich ja eben nicht um einen unmittelbar autobiographischen Text, dem man eventuell mit einigem Recht einen historischen Wahrheitsanspruch unterstellen könnte, sondern um eine Fiktion, die vorerst einmal gar nichts über die Wirklichkeit behauptet, sondern eine Wirklichkeit erfindet. Andererseits verführen uns natürlich der Titel und die von Andersch betonte autobiographische Unterfütterung der sechs Franz-Kien-Erzählungen, diese erfundene Wirklichkeit mit der historischen abzugleichen und sie auf Übereinstimmungen hin zu kontrollieren.

Problematischer aber an dem Zitat von Hein ist, dass selbst wenn man Anderschs Erzählung als autobiographisches Dokument liest, dort nirgends zu finden ist, Heinrich Himmler stamme aus „protofaschistischen Verhältnissen“, was immer das auch sein mag.

Andersch hat die Befürchtung gehabt, dass gerade diese Erzählung eine außergewöhnlich hohe Rate an Missverständnissen hervorbringen würde, und ihr deshalb einen reflektierenden Text mitgegeben, der „Nachwort für Leser“ überschrieben ist. Dort findet sich eine Stelle, in der er explizit über die soziologische Einordnung des Elternhauses von Heinrich Himmler spricht:

Angemerkt sei nur noch, wie des Nachdenkens würdig es doch ist, daß Heinrich Himmler – und dafür liefert meine Erinnerung den Beweis – nicht, wie der Mensch, dessen Hypnose er erlag, im Lumpenproletariat aufgewachsen ist, sondern in einer Familie aus altem, humanistisch fein gebildetem Bürgertum. Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen. [S. 86]

Heins Zitat verweist aber auf eine weitere Auseinandersetzung mit Anderschs Erzählung in der Himmler-Biographie Peter Longerichs. Dabei sollte man Hein nicht dahingehend missverstehen, dass bereits Longerich die Auffassung vertritt, Anderschs Erzählung behaupte, Himmler entstamme „protofaschichstischen Verhältnissen“. Longerichs Biographie liefert Hein bloß die Widerlegung dieser von Andersch nie gemachten Behauptung. Doch Longerich verfügt ersatzweise über ein ganz eigenes Missverständnis. Er fasst die Fabel der Erzählung in gut zehn Zeilen zusammen und beschließt diese Synopse mit folgenden Sätzen:

Nun befiehlt der Rex den Helden der Geschichte, den Andersch Franz Kien genannt hat, an die Tafel und führt nicht nur geradezu genussvoll dessen miserable Griechischkenntnisse vor, sondern macht Kien-Andersch nach allen Regeln der Kunst – zynisch, hämisch, gemein – fertig. […] er muss die Anstalt verlassen.2

Der nicht durch seine eigene Schulerfahrung traumatisierte Leser der Erzählung wundert sich wahrscheinlich über diese Einschätzung des Rex, denn von Zynismus, Häme oder Gemeinheit lässt sich in der Erzählung nichts entdecken. Im Gegenteil lobt der Rektor gleich mehrfach und ohne jegliche Ironie die Intelligenz und Auffassungsgabe Kiens; wenn in dieser Unterrichtsstunde überhaupt jemand fertig gemacht wird, ist es der die Klasse unterrichtende Kandidat Dr. Kandlbinder, den der Rex vor der Klasse scharf dafür zurechtweist, dass es seiner Aufmerksamkeit entgangen ist, dass Franz Kien seit sechs Wochen in seinem Unterricht nicht mehr als gerade einmal das griechische Alphabet gelernt hat. Sicherlich wird Franz’ Unwissen vorgeführt, doch der Grund hierfür ist nicht Zynismus oder Gemeinheit; der Rektor verschafft sich, wie oben bereits gesagt, durch die Inszenierung der Stunde einen Anlass dafür, Franz Kien von der Schule verweisen zu können. Im Widerspruch zu Longerichs Lektüre zeigt der Rex eine außergewöhnliche Sympathie für den Schüler Kien: Er hält ihn für klüger als die meisten seiner Mitschüler, nur eben zu Recht für faul und verwildert. Er nimmt Kiens Antwort, er wolle später Schriftsteller werden, ganz ernst und statt sich über die Ambitionen des Schulversagers lustig zu machen, fragt er ihn, was er denn für Bücher schreiben wolle. Und als Franz antwortet, dass er das noch nicht wisse, hält der Rex das für eine „ganz gescheite Antwort – ich hätte sie dir gar nicht zugetraut“. Natürlich handelt es sich nicht um ein Gespräch auf Augenhöhe, aber das ist bei einer Unterhaltung zwischen einem 14-jährigen Schüler und seinem Rektor und schon gar im Jahr 1928 auch nicht zu erwarten. Doch fertig gemacht wird Franz Kien in der Erzählung keineswegs.

Longerich hätte besser auf eine seiner Quellen hören und den Text Anderschs daraufhin noch einmal lesen sollen:

[Otto] Gritschneder hatte […] als Klassenkamerad neben Andersch gesessen; dieser sei, so seine Auskunft, einfach ein schlechter Schüler gewesen, und seine Schulkarriere am Wittelsbacher Gymnasium sei auf ganz normale Weise beendet worden.3

Genau das und nichts anderes steht in Anderschs Erzählung.

Die Kunst des genauen Lesens ist zumindest ebenso selten zu finden wie die des guten Schreibens.

Alfred Andersch: Der Vater eines Mörders. Eine Schulgeschichte. detebe 23608. Zürich: Diogenes, 2006. Broschur, 89 Seiten. 8,90 €.


1 Bastian Hein: Die SS. Geschichte und Verbrechen. München: Beck, 2015. S. 15.
2 Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. München: Siedler, 2008. S. 17.
3 Ebd. S. 18.

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Welttag des Buches – Shakespeare

Welche Bibliothek ist schon über, für und wider ihn geschrieben! – die ich nun auf keine Weise zu vermehren Lust habe. Ich möchte es vielmehr gern, daß in dem kleinen Kreise, wo dies gelesen wird, es niemand mehr in den Sinn komme, über, für und wider ihn zu schreiben: ihn weder zu entschuldigen, noch zu verleumden; aber zu erklären, zu fühlen wie er ist, zu nützen, und – wo möglich! – uns Deutschen herzustellen. Trüge dies Blatt dazu etwas bei!

Johann Gottfried Herder
Von deutscher Art und Kunst

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William Shakespeare: Zwei Herren aus Verona

Außerdem: 1594 […] war [Shakespeare] 30 Jahre alt; vergleichsweise war Georg Büchner da schon sechs Jahre tot.
Wolfgang Wicht

Shakespeare Guenther 09Bei den „Zwei Herren aus Verona“ handelt es sich um eines jener Stücke Shakespeares, die den Nachlebenden erhebliche interpretatorische Bauchschmerzen bereiten. Uneins ist man sich bereits bei der Frage der zeitlichen Verortung des Stückes: Einige halten es eindeutig für ein Frühwerk, andere weisen auf die raffinierte Gearbeitetheit des Stückes hin und wollen es auf jeden Fall dem reifen Dichter zuordnen. Was die einen nur als dramaturgische Hilflosigkeit verstehen können, ist für die anderen eine provokante Parodie auf spätmittelalterlichen Chauvinismus. Was auch immer es ist, wirklich gelungen scheint es nicht zu sein.

Einmal mehr handelt es sich „Zwei Herren aus Verona“ um eine italienisch situierte Liebeskomödie Shakespeares: Valentin und Proteus, zusammen in Verona aufgewachsen und dicke Freunde, werden auf kurze Zeit voneinander getrennt: Valentin geht nach Mailand an den Hof des Kaisers, Proteus bleibt zurück, um seine geliebte Julia zu hofieren. Das allerdings nützt ihm nicht viel, denn sein Vater entscheidet bald, dass auch der Stubenhocker Proteus nach Mailand soll, wogegen der sich plötzlich nicht mehr wehrt. In Mailand eingetroffen findet er Valentin verliebt in Silvia, die Tochter des Herzogs, vor. Ruck, zuck vergisst Proteus seine Julia, verliebt sich ebenfalls in Silvia und will sich nun den zum Widersacher gewordenen Valentin vom Halse schaffen. Daher verrät er Valentins und Silvias Fluchtplan dem herzoglichen Vater, der Valentin daraufhin verbannt. Auf dem Weg nach Mantua wird Valentin von einer Räuberbande aufgegriffen, die ihn kurzerhand zu ihrem Hauptmann macht, anstatt ihn auszurauben. Schließlich laufen auch Silvia, Proteus, der Herzog und dessen Ehekandidat für Silvia, ein Herr Thurio, in den Wald, wo sich alle zum Happy End treffen: Valentin und Proteus versöhnen sich wieder, Proteus wendet sich der als Page verkleideten Julia wieder zu, der euphorisierte Herzog verzeiht Valentin und allen seinen Räubern alles und erlaubt die Heirat mit Silvia, und selbst Herr Thurio wird mit zur Doppelhochzeit eingeladen.

Das Stück ist nach unserem Verständnis tatsächlich dramaturgisch abenteuerlich uneinheitlich: Einerseits lässt sich auf die schön gearbeiteten Spiegelungsverhältnis der Paare Proteus/Julia und Valentin/Silvia hinweisen; auch die feinen Spitzen gegen höfisches Rittertum sind nicht von der Hand zu weisen. Andererseits überzeugen weder die urplötzliche Räuberhauptmannschaft noch die gesamte Konstellation der Konfliktlösung am Ende des Stücks. Als eigentliche Crux erweist sich dabei die Versöhnung der beiden Protagonisten, zwischen denen nicht nur nach einem kurzen Reuebekenntnis des Proteus alles wieder gut ist, sondern als deren Konsequenz Valentin auch noch ganz großzügig Silvia dem Proteus als Freundschaftspreis anbietet.

Nun weisen zwar Übersetzer Frank Günther und der Verfasser des beigebundenen Essays Wolfgang Wicht darauf hin, dass man dies – ob Parodie oder Ernst – im Rahmen der zeitgenössischen Ideologie der Männerfreundschaft lesen sollte, doch auch das befriedet nur, befriedigt aber letztlich nicht. Was auch immer der Grund für die augenscheinliche Unausgewogenheit des Stückes sein mag (man könnte geneigt sein, ein zeitgenössisches Stück erfinden wollen, das so schlecht und zugleich so bekannt war, dass Shakespeare mit „Zwei Herren aus Verona“ eine direkte Parodie darauf verfasst hat, die keiner mehr erkennt, weil die Vorlage vollständig verschwunden ist; aber natürlich würde das in unseren Zeiten der Vernunft kein Mensch gelten lassen), wir werden damit leben müssen, hier nur ein verwachsenes Kind des Schwans vom Avon vorliegen zu haben.

William Shakespeare: Zwei Herren aus Verona. Übersetzt von Frank Günther. Zweisprachige Ausgabe. Gesamtausgabe Bd. 9. Cadolzburg: ars vivendi, 2001. Geprägter Leineneinband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen. 246 Seiten. 33,– €.

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Allen Lesern ins Stammbuch (87)

Eine ganze Horde von Beobachtern ist in alle Lebensgebiete eingebrochen und jeder weiß in jedem Bescheid. Die alten Phrasen sind abgetan. Aber ihr Inhalt war länger lebendig und mußte ehrlicher erworben sein als der der neuen. Dagegen sind die neuen viel handlicher und ermöglichen es jedem ohne Unterschied der Begabung und der Konfession, Literatur zu treiben. Vor einer Sache, über die man nichts sagen konnte, war man ehedem verloren. Jetzt gehts; was man nicht deklinieren kann, das sieht man als »merkwürdig« an.

Karl Kraus

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William Shakespeare: Was ihr wollt

Jetzt geht’s zu End, die ganze großspurige große Welt wird ein salbaderndes Narrenhaus!

Shakespeare Guenther 08Im Jahr eines Shakespeare-Jubiläums soll man nach Möglichkeit auch Shakespeare lesen! Fangen wir also an: Bei „Was ihr wollt“ handelt es sich – wie schon der Titel erahnen lässt – um eine von Shakespeares leichten Komödien, die versuchen, einen möglichst breiten Publikumsgeschmack zu treffen. Im Vordergrund stehen daher Spaß und Klamauk, Wortspiele und Liebes-Gedöns. Als Gegengewicht wird ein alternder, zum Narren verkommener Philosoph mit in die Handlung verwickelt, und weil man dann immer noch nicht auf die notwendige Länge kommt, stecken wir noch eine kleine Verwechslungsgeschichte mit Zwillingen dazu.

Die Handlung ist im Grunde diese: A liebt B, B liebt C, C liebt A. D liebt heimlich auch B, wird aber dafür von E, F und G – die letztern beiden Saufkumpane, von denen G, um die Verwirrung komplett zu machen, es auch noch auf B abgesehen hat – auf den Arm genommen. C ist eigentlich eine Frau, hat sich zur Sicherheit aber als Mann verkleidet, da sie als Schiffbrüchige (beinahe hätte ich geschrieben ‚Alleinerziehende‘) im fremden Land – einem vollständig erfundenen Illyrien – leben muss. Verkleidet als Mann gleicht sie zum Verwechseln ihrem Zwillingsbruder C¹. C und C¹ glauben einander wechselseitig ertrunken. Den Rest kann sich jeder leicht selbst ausdenken, es kommt nicht so sehr aufs Detail an. Die Hauptsache ist ein üppiges Hin und Her, das ausreichend Gelegenheit zu gewollten und ungewollten Missverständnissen, Wortwechseln, Streitereien und Verwechslungen liefert, die sich schließlich alle durch eine, in diesem Fall sogar zwei Hochzeiten auflösen lassen.

Dieser weitgehend schematisierte Klamauk ist natürlich dadurch geadelt, dass er von Shakespeare stammt. Die Qualität der Wortspiele ist hoch, hier und da fällt sogar ein echter Gedanke dabei ab. So darf der neben der eigentlichen Handlung herlaufende Narr Feste wenigstens halbwegs Anspruch auf Originalität machen. Anlass für diesen speziellen Klamauk war eine Art von englischem Karneval, der um die Weihnachtszeit gefeiert wurde und dessen Höhepunkt auf den Dreikönigstag – der Twelfth Night nach Weihnachten; daher der englische Haupttitel des Stücks – fiel.

Es sind aber gerade die Wortspiele, die es dem Übersetzer schwer machen: Frank Günther, dessen erklärtes Ziel es ist, eine spielbare Übersetzung zu liefern, die dem heutigen deutschen Publikum einen ähnlichen Eindruck vermittelt wie das Original den Zeitgenossen Shakespeares, macht aus der Not eine Tugend und erfindet Dialoge zum Teil vollständig neu, da sich die englischen nicht ins Deutsche retten lassen. In den umfangreichen Anmerkungen werden die entsprechenden Entscheidungen vom Übersetzer ausführlich dokumentiert und erläutert; da die Shakespeare-Ausgabe Günthers immer zweisprachig daherkommt, kann sich jeder Leser auch selbst ein Bild davon machen, was der Übersetzer aus dem Original hat werden lassen.

Ein Stück, das man nicht zu ernst nehmen sollte – was offenbar, wie man dem angehängten Essay von Christa Jansohn entnehmen kann, auf deutschen Bühnen gern geschieht – und das, mit dem richtigen Tempo gespielt, auch heute noch seine Wirkung entfalten dürfte.

William Shakespeare: Was ihr wollt. Übersetzt von Frank Günther. Zweisprachige Ausgabe. Gesamtausgabe Bd. 8. Cadolzburg: ars vivendi, 2001. Geprägter Leineneinband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen. 296 Seiten. 33,– €.

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Alois Brandstetter: Altenehrung

Der Zahn der Zeit nagt freilich auch am Denkmalschützer selbst.

Brandstetter AltenehrungDer Österreicher Alois Brandstetter wurde mir im letzten Jahr in Wien empfohlen, als wir dort unter anderem über Schriftsteller wie Thomas Bernhard und Herbert Rosendorfer sprachen. Ich wurde auch gleich mit zwei Romanen Brandstetters ausgestattet, darunter „Altenehrung“ von 1983. Brandstetter war im Hauptberuf Professor für ältere deutsche Literatur an der Universität Klagenfurt, hat aber dennoch ein umfangreiches belletristisches Œuvre vorgelegt. Mir selbst war er bis im letzten Jahr vollkommen unbekannt, woraus ich aber nicht auf seine tatsächliche Bekanntheit schließen möchte; manchmal verpasst man auch einfach etwas. Andererseits könnte Brandstetter auch auf diese Weise ganz gut mit Herbert Rosendorfer zusammenpassen, der bis auf sein One-hit-wonder der „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ ebenfalls weitgehend ein Geheimtipp geblieben ist.

„Altenehrung“ (Betonung auf der ersten Silbe) ist die Ich-Erzählung eines alternden Kunsthistorikers, der in Klagenfurt als Denkmalschützer verbeamtet ist. Der Erzählanlass kommt im Buch erst relativ spät zur Sprache: Der Erzähler hat seine berufliche Karriere mit einem anarchischen Akt der öffentlichen Beleidigung seines Vorgesetzten beendet; dies wurde offensichtlich auch von seiner Frau dazu benutzt, ihn zu verlassen, so dass die Erzählung mehr und mehr als der Monolog eines grantelnden Alten erscheint, bis sie ganz zum Schluss eine merkwürdige Wendung ins Offene nimmt. Der Hauptgrund jener Beleidigung ist das Gefühl des Erzählers, bei der Beförderung ungerechterweise übergangen worden zu sein und einen zwar dienstälteren, aber inkompetenten und ungebildeten Kollegen vor die Nase gesetzt bekommen zu haben. Der Erzähler protzt durch den ganzen Text hindurch mit seiner umfangreichen Kenntnis lateinischer Spruchweisheiten – die er in den meisten Fällen aber freundlicherweise für die Leser gleich ins Deutsche übersetzt – und zeigt sich stolz auf seine bedeutendste wissenschaftliche Leistung: eine Sammlung von Inschriften vom Frühmittelalter bis zum 30-jährigen Krieg im Bundesland Kärnten. Schon darin hatte er in einer hinzuerfundenen lateinischen Inschrift eine Schmähung seines Vorgesetzten versteckt, was aber erst in Laufe seines Disziplinarverfahrens zutage gekommen ist.

Außer diesem Hauptstrang der Erzählung finden sich zahlreiche weitere Anlässe zur Unzufriedenheit: andere Denkmalschützer, die Jugend von heute (darunter sein eigener Sohn), die anderen Mitarbeiter im Amt, universitäre Gepflogenheiten, die allgemeine Unbildung, die alten Nazis (in den frühen 80ern noch nicht die neuen!) usw. In diesen Passagen klingt in Brandstetters Text zum Teil zu deutlich der Ton von Bernhards Prosa an, auch wenn die Bernhardsche Penetranz offenbar bewusst vermieden wird. Merkwürdig immerhin bleibt die Schlusswendung des Textes, die hier unerörtert bleiben mag.

Alles in allem ist Brandstetter eine positive Entdeckung: Unter den zahlreichen Bernhard-Epigonen der deutschsprachigen Literatur sticht er mit einer außergewöhnlich gepflegten Sprache und einer ungewöhnlichen literarischen Bildung hervor. Seine Sprache ist nur auf den ersten Blick unauffällig, erweist sich bei genauerem Hinsehen als exakt und differenziert; auch dadurch passt er gut mit Rosendorfer zusammen. Bei Gelegenheit werde ich eine Besprechung von „Die Burg“ (1986) nachliefern.

Alois Brandstetter: Altenehrung. Salzburg/Wien: Residenz, 1983. Leinenband, 140 Seiten. (Zuletzt im dtv-Taschenbuch; derzeit nicht lieferbar.)

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