»Sie sind ›Schachspieler‹?«

Eine Nachforschung zur Spielstärke Arno Schmidts

Bei meinen Schachsitzungen mit Gaston sah ich das Brett als ein quadratisches Becken voll klaren Meerwassers mit seltenen Muscheln und Strategemen, die sich rosig von seinem glatten Marmorboden abhoben, während mein verwirrter Gegner dort nichts sah als Schlamm und Sepiagewölk.
Vladimir Nabokov

Am 23. Oktober 1959 schreibt Arno Schmidt in einem Brief an Hans Wollschläger:

(Dem Schachmeister Lothar Schmid dürfen Sie, bei Gelegenheit, einmal ins Ohr träufeln, daß auch ich früher viel Zeit mit dergleichen Possen verloren, und sogar einmal den breslauer Meister, Machate, schlug – ein Name, der Herrn Schmid geläufig sein wird – und zwar mit b2-b4, meiner Leib=Eröffnung. (Jetzt kann ich natürlich nichts mehr; aber immerhin wird er nachdenklich nicken, wenn er diesen seltenen Zug vernimmt.))1

Allerdings hätte Lothar Schmid, dem im Jahr 1959 der Titel eines Internationalen Großmeisters verliehen wurde, der Name Machate etwas gesagt: Schmid hatte im Jahr 1948 bei der Deutschen Meisterschaft in Essen gegen Gottlieb Machate eine Partie verloren und dürfte allein von daher den Namen wahrscheinlich in Erinnerung gehabt haben.2

Gustav Gottlieb Walter Machate wurde am 20. November 1904 in Breslau geboren. Er belegte 1927 bei der Breslauer Meisterschaft den 2. Platz und im selben Jahr auf dem 14. Kongreß des Schlesischen Schachverbandes den geteilten 3. Platz. Im darauffolgenden Jahr konnte er auf dem 15. Kongreß das Meisterturnier sogar gewinnen. Nach dem Krieg lebte Machate in Stuttgart-Feuerbach, wurde 1947 Württembergischer Meister und belegte in diesem und dem folgenden Jahr jeweils den 3. Platz bei der deutschen Meisterschaft; er durfte daher den Titel „Deutscher Meister“ führen. Machate spielte bis 1971 für die Schachgemeinschaft Stuttgart und verstarb am 27. Mai 1974 in Feuerbach.3

Machates Spielstärke war also beachtlich: Laut dem Internet-Dienst Chessmetrics zählte Machate von 1927 bis zum Anfang der 50er Jahre nahezu ununterbrochen zu den 100 stärksten Spielern der Welt. Kein unebener Gegner, über den sich Arno Schmidt da einen Sieg zuschreibt, was für seine Spielstärke einiges erwarten läßt.

Nun sind neben der Partie, die Schmidt seinen Ich-Erzähler in Die Insel spielen läßt,4 im Tagebuch Alice Schmidts zwei Partien überliefert, die Arno Schmidt im Jahr 1949 gegen seine Frau gespielt hat. In beiden Partien hat Arno Schmidt Schwarz, so daß wir leider nicht in den Genuß kommen, seine Beherrschung der Orang-Utan- bzw. Sokol­ski-Eröffnung5 bewundern zu können. Beide Partien dürften ohne Schachuhr gespielt worden sein; jedenfalls wissen wir nichts gegenteiliges. In beiden spielt Alice Schmidt mit Weiß das Königsgambit und beide Partien werden von Schwarz gewonnen. Beginnen wir mit der Partie vom 10. Januar 1949:

Alice Schmidt vs. Arno Schmidt
Ghulam-Kassim-Gambit

1.e4 e5 2.f4 exf4 3.Sf3 g5 4.d4 g4 5.Lc46

Game-1-1
Das Opfern des Springers ist die Grund­idee dieses Gambits. Weiß hofft, für die geopferte Figur einen durchschlagenden Angriff zu erhalten. Alice Schmidt kommentiert in ihrem Tagebuch: „Dies unsere heutige 1. Partie als Beispiel für Königsgambit mit der neuen Variante daß Weiß Sf3 einstehen läßt.“7 Arno Schmidt dürfte diese Spielweise aus seiner Lektüre des Lehrbuchs von Dufresne und Mieses bekannt gewesen sein, das allerdings den Zug d4 nur am Rande behandelt. Zur Diagrammstellung sind mehrere Partie von Paul Morphy überliefert, aber auch eine von John Cochrane.8 Alice Schmidts Formulierung von der ‚neuen Variante‘ bezieht sich daher offenbar auf die Spielpraxis des Ehepaars Schmidt. Auch in der heutigen Turnierpraxis kommt diese Spielweise noch in seltenen Fällen vor.9

5… gxf3 6.Dxf3 Lh6 7.Lxf4 Lxf4 8.Dxf4 f6 Versucht, den Angriffspunkt f7 zu entlasten. Besser wäre es wahrscheinlich für Schwarz, die Entwicklung der eigenen Figuren voranzutreiben: 8…Df6 9.Dxc7 Sc6 (9…Dh4+ 10.Kd1 Sc6 11.Sc3 Sge7 12.Tf1 Dg4+ 13.Tf3) 10.Tf1 Dxd4 11.Lxf7+ Ke7 12.Sc3 Sf6 mit unklarer Stellung. 9.0–0 d6 10.e5 f5 11.Le2 Versucht, den Läufer auf den Königsflügel zu überführen und auf der Diagonale h5-e8 den König anzugreifen. Leider hat Schwarz ein simples Gegenmittel zu dieser Idee: 11…h5 12.Dg3 De7 13.exd6 Weiß stellt eine äußerst durchsichtige Falle, …

Game-1-2

… und Schwarz fällt prompt hinein: 13…Dxe2?? 14.Te1 Dxe1+ 15.Dxe1+ An dieser Stelle könnte Schwarz die Partie getrost aufgeben. Aber, als sei es nicht schlimm genug, macht er gleich den nächsten Fehler: 15…Kd7? Besser ist 15…Kf7 16.dxc7 Sa6 17.d5 Sf6 (17…Sxc7 18.Dc3 mit Angriff auf Springer und Turm!) 18.d6 Te8 19.Dd2 Ld7 20.Sc3 und auch so ist die schwarze Stellung gänzlich hoffnungslos. 16.De5 Th6? Und gleich der nächste Patzer! 17.dxc7? Entscheidend ist 17.Dg7+! Kxd6 18.Dxg8 Sd7 (der einzige Zug, der sowohl den Läufer als auch den Punkt f8 überdeckt!) 19.Dg3+ und Weiß gewinnt in jeder Variante den Turm auf h6: 19…Kc6 (19…Ke6 20.De3+ Kf6 21.Dxh6+) 20.d5+ Kxd5 21.Sc3+ Kc6 22.Df3+ Kd6 23.Df4+ Ke7 24.Dxh6. 17…Sc6 18.Dg7+ Der Zug 18.Dd5+ gewinnt den Springer auf g8! 18…Sce7 19.Sc3 Td6 20.Te1 b6 21.Sb5 Hier ist 21.Df8 von besonderer Feinheit, da sich die Dame nach 21…Lb7 auf b8 einnistet: 22.Db8 Lc6 23.d5 Txd5 24.Sxd5 Lxd5 25.Td1 Ke6 26.Txd5 Txb8 27.cxb8D Kxd5 und wieder steht Schwarz gänzlich hoffnungslos.

Game-1-3

21…Td5?? Ein unbegreiflicher Fehler! Schwarz hat anscheinend auch nicht einen Moment lang über die Konsequenzen nachgedacht. Dabei war 21…Tg6 der offensichtliche Zug, der zusammen mit Lb7 wenigstens noch auf irgendeine Form von Gegenspiel hoffen ließ. Nach dem simplen 22.c4 ist Schwarz gezwungen, den Turm gegen den Springer zu tauschen. 22…Txb5 23.cxb5 Lb7 24.Te5 Konsequent wäre 24.Tc1 Tc8 25.De5 und das schwarze Spiel ist gelähmt. 24…Le4 25.Dh7 Tc8 26.Dxh5 Txc7 27.g4?? wirft den Vorteil weg! 27…Tc1+ 28.Kf2 Tc2+?? Der nächste grobe Fehler. Besser war 28…Sf6 29.Dg5 Sxg4+ 30.Ke2 Tc2+ 31.Ke1 Sxe5 32.dxe5 Tg2 33.Dh6 und das Spiel ist wieder offen. 29.Kg3?? Besser ist 29.Ke1 Tc1+ 30.Kd2 Tc2+ 31.Kd1, und der schwarze Angriff verpufft. 29…Sf6 30.Df7 Tg2+ 31.Kh3 fxg4+ 32.Kh4 Txh2+ 33.Kg3 Th3+ 34.Kf4?? 34.Kf2 ist die einzige Rettung. 34…Tf3+ 35.Kg5 Sh7+ Gleichzeitiger Angriff auf Dame und König! 36.Dxh7 Lxh7 37.Kxg4 Tf2 Der Rauch hat sich verzogen, und Schwarz hat das bessere Ende übrig behalten. 38.d5 Txb2 39.Th5 Lf5+ 40.Kf4 Genauso aussichtslos ist 40.Txf5 Sxf5 41.Kxf5 Txa2. 40…Txb5 41.Ke5 Txd5+ – 0:1

Bevor wir zu einer Einschätzung der Spielstärke Arno Schmidts kommen, sollten wir zuerst noch die zweiten Partie vom 15. Februar 1949 ansehen. Alice Schmidt notiert zu dieser Partie: „Um 18h 1 : 0 die wir wegen ihrer Interessantheit noch mal durchspielen zwecks Aufzeichnung & genau hinkriegen“10. Das ‚1:0‘ ist ein verwirrend, weil auch diese Partie von Schwarz gewonnen wird und Alice Schmidt mit den weißen Figuren spielt. Wichtig aber scheint, daß die Partie vom Ehepaar Schmidt wegen ihrer ‚Interessantheit‘ aufgezeichnet wird:

Alice Schmidt vs. Arno Schmidt
Königsspringer-Gambit

1.e4 e5 2.f4 exf4 3.Sf3 g5 4.Lc4 Lg7 5.0–0 h5!?

Game-2-1

Ein überraschender Zug, zum dem ich vor 1949 kein Vorbild finden konnte. 6.Sxg5?? Opfert ohne Notwendigkeit eine Figur. Besser ist wohl 6.d4 mit starkem Zentrum. 6…Dxg5 7.d3 Ld4+ Wahrscheinlich sollte Schwarz besser die eigenen Figuren entwickeln, als dem Gegner die Möglichkeit einzuräumen, die Königsstellung zu demolieren. 8.Kh1 Le3 9.Lxe3 fxe3 10.Lxf7+ Kd8 11.Df3 d6 12.Sc3 Lg4 13.Dg3 h4 14.De1

Game-2-2

Schwarz steht hier klar auf Gewinn: Außer der Mehrfigur hat er klare Angriffsziele, ohne weißes Gegenspiel fürchten zu müssen. 14…c6 Aufgabe ist es jetzt, die Entwicklung rasch abzuschließen und die weiße Königsstellung unter Druck zu setzen. Besser z.B.: 14…Sh6 15.Lc4 Sd7 16.Sd5 h3 17.gxh3 (17.g3 e2 18.Tf4 Tf8 19.Df2 Txf4 20.Sxf4 Se5 21.Le6 Lf3+ 22.Kg1 Shg4 23.Lxg4 Dxg4) 17…Lxh3 18.Tg1 Sg4 19.Tg3 Dh6 20.Kg1 Sde5 21.De2 Tf8 und der schwarze Angriff schlägt durch! 15.h3 Sf6 Die offensichtliche Alternative ist 15…Ld7 16.hxg4 Sxg4 17.Tf5 Dg7 18.Se2 h3 19.g3 Sd7 20.Sf4 Mit der Idee gespielt, Kc7 zu verhindern und so den schwarzen Turm auf a8 weiter vom Angriff auszuschließen. 20…Kc8 20…Kc7?? 21.Se6+; zu überlegen war: 20…Dxb2 21.Lh5 (21.Dc1 Dxc1+ 22.Txc1 Sh6!) 21…Sf2+ 22.Kh2 Dxc2 23.De2 Dxe2 24.Lxe2 Se5 25.Tg5 Ke7 und Schwarz steht deutlich besser. 21.Le6 Kc7? Versucht auszunutzen, daß der Springer nun nicht nach e6 kann, übersieht dabei aber die simple Widerlegung 22.Tf7

Game-2-3

22…Dxf7!? 22…Dg5 23.Txd7+ Kb8 (23…Kb6 24.Db4+ Db5 25.Sd5+ cxd5 26.Txb7+ Kxb7 27.Dxb5+ Kc7 28.Dd7+ Kb6 29.Dxd6+ Kb7 30.Lxd5+ Kc8 31.Dc6+ Kd8 32.Dxa8+ Ke7 33.Dxh8) 24.Db4 mit unabweisbarem Angriff: 24…b5 25.Dxd6+ Kc8 26.Txa7#;22…Dh6 23.Da5+ b6 24.Txd7+ Kb8 25.Da6 und der Rest ist Schweigen! 23.Lxf7 Taf8?? Die einzige Rettung war 23…Sf2+ 24.Kh2 Se5! mit der Drohung Sf3+ 25.De2 Seg4+ 26.Kg1 h2+ 27.Kg2 h1D+ 28.Txh1 Txh1 mit unklarer Stellung. 24.Le6? Nach dem simplen 24.Se6+ steht Weiß noch mehr auf Gewinn als ohnehin schon. Schwarz sollte hier aufgeben. 24…Kb8 25.Sxf8 Txf8 26.Le6 Sf2+ 27.Kg1 Tf3 28.Kh2 Se5 29.Lxh3. 24…Sde5 25.De2 Sf2+ 26.Kh2 Tf6 Wahrscheinlich nicht das Beste; aber es ist sowieso schwierig, noch einen guten Zug für Schwarz zu finden. 27.Tf1 Txe6 28.Sxe6+ Kd7 29.Sg5 Läßt Schwarz zurück ins Spiel. Besser war einfach: 29.Txf2 exf2 30.Sf4. 29…Seg4+ 30.Kg1 h2+ 31.Kg2 h1D+ 32.Txh1 Txh1 33.Kf3 33.Sf3 hält den Vorteil fest. 33…Th5 34.Sf7 Ke7 Der weiße Springer hat kein Feld mehr. 35.Sxd6 Kxd6 36.d4 b5 37.e5+ Kd5 38.c3 a5? Räumt Weiß neue taktische Möglichkeiten ein. Erforderlich war 38…Tf5+ 39.Kg2 um dem schwarzen König das Feld e4 freizuräumen. 39.b3? 39.Dc2! mit der Mattdrohung Db3! 39…a4 (39…Th6 40.Db3#) 40.Dg6 Txe5 (40…Th8 41.Df7#) 41.Dg8+ (41.dxe5?? Sxe5+ 42.Kxe3 Sxg6) 41…Te6 42.b3 und Weiß holt den Turm ab: 42…axb3 43.axb3 Sf6 44.c4+ bxc4 45.bxc4+ Kxd4 46.Dxe6. 39…Tf5+ 40.Kg2 Ke4 41.Dc2+?? Verliert sofort; versucht werden mußte 41.e6! Tf8 42.e7 Te8 43.a4 und Weiß spielt weiter mit. 41…Sd3 mit der Drohung Tf2+. 42.Kh3

Game-2-4

42…Sgf2+? 42…Tf2 gewinnt sofort: 43.Dxf2 (43.Kxg4 Txc2 44.e6 Th2 45.e7 Th8 46.Kg5 e2 47.Kg6 e1D) 43…Sdxf2+ 44.Kh4 Kf5 und der schwarze Bauer läuft durch. 43.Kg2 Tf3?? Es mußte die alte Drohung Tf2 wieder hergestellt werden: 43…Sg4. 44.e6 Tf6??

Game-2-5

45.a3?? 45.De2! Sf4+ (45…Txe6 46.Df3#; 45…Sc1 46.Dh5 Kd3 47.e7 e2 48.e8D Se4 49.Dh1 Tf2+ 50.Kh3 Tf4 51.gxf4 Sf2+ 52.Kg2 Sxh1 53.f5 Kd2 54.f6 e1D 55.Dxe1+ Kxe1 56.f7 und Weiß gewinnt.) 46.gxf4 Tg6+ 47.Kf1 Txe6 48.Dh5 Kd3 49.Ke1 Kxc3 50.Ke2 Kxd4 51.Dh7 Te4 52.Dh8+ Kd5 53.f5 Tf4 54.Dg8+ Kd4 55.Dg6 Sg4 56.Dd6+ Ke4 57.Dxc6+ Kxf5 58.Dxb5+ Kg6 59.Dxa5 Tf2+ 60.Ke1 e2 61.Db4 Kg5 62.Dxg4+ Kxg4 63.Kxf2 und die weißen Bauern am Damenflügel entscheiden. 45…Txe6 46.b4 a4 47.De2 Tf6 48.Dh5 Se1+ 49.Kh2 Th6 – 0:1

Diese beiden Partien sind eigentlich nichts besonderes. Sie enthalten jeweils mehrere grobe, spielentscheidende Fehler, die mehr als einmal vom Gegner mit einem ebenso groben Fehler beantwortet werden. Man wird unwillkürlich an den Satz Tartakowers erinnert: „Der vorletzte Fehler gewinnt!“

Der Aufwand der hier vorgenommenen Analyse steht natürlich in keinem vernünftigen Verhältnis zum schachlichen Gehalt der Partien; er soll einzig und allein dazu dienen, die Spielstärke Arno Schmidts wenigstens ungefähr abschätzen zu können.

Leider lassen Züge wie 13…Dxe2 und 21…Td5 in der ersten Partie oder 23…Taf8 in der zweiten Partie nur wenig Spielraum für ein positives Urteil: Zwar spielt Arno Schmidt offensichtlich besser als seine Frau, doch gibt es in den Partien kaum etwas, das darauf hinweist, daß Schmidt in der Lage gewesen wäre, einen Meisterspieler wie Gottlieb Machate – und sei es nur bei einer Simultanvorstellung11 – in irgendeine schachliche Verlegenheit zu bringen. Nur an zwei Stellen der zweiten Partie blitzt ein wenig Schachverständnis auf: Zum einen in dem überraschenden Zug 5…h5, der durchaus stellungsgemäß erscheint und genauere Betrachtung verdienen würde (das Schmidt-Gambit wäre hier zu begründen). Zum anderen bei 22…Dxf7, der durch ein Damenopfer dem weißen Angriff von vornherein die Spitze nimmt. Allerdings muß hier die Einschränkung gemacht werden, daß das drohende 23.Txd7+ sehr offensichtlich gefährlich ist, doch zeugt Arno Schmidts Da­men­opfer von einer tieferen Stellungsbeurteilung als viele seiner anderen Züge.

Nichtsdestotrotz bleibt zu konstatieren, daß Arno Schmidts Partieanlage gänzlich dem romantischen Schachideal verhaftet ist, wie es in den Partien Anderssens, Kieseritzkys oder Morphys zum Ausdruck kommt: Scharfe Eröffnungsvarianten, von Beginn an auf Angriff ausgerichtet auch um den Preis der eigenen Königssicherheit und deutliche Betonung der kombinatorischen unter Vernachlässigung der positionellen Elemente des Spiels. Doch zeigen die beiden analysierten Partien an keiner Stelle eine überlegene kombinatorische Einsicht in die Stellungen, wie sie die Partien der romantischen Meister prägte. Gegen einen Spieler wie Gottlieb Machate hätte Arno Schmidt mit diesem Schach keinesfalls bestehen können.


1 Zitiert nach Guido Graf: Über den Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Wiesenbach: Bangert & Metzler, 1997. S. 138.

2 Lothar Schmid vs. Gottlieb Machate, Deutsche Meisterschaft, Essen, 1948, 2. Runde.
1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 d6 6.Lg5 Da5 7.Lb5 Ld7 8.Sb3 Dd8 9.a4 h6 10.Lh4 g5 11.Lg3 Lg4 12.f3 Le6 13.Sd4 Ld7 14.Lxc6 bxc6 15.e5 Sh5 16.exd6 Sxg3 17.hxg3 exd6 18.Dd3 Da5 19.Kf2 Lg7 20.Scb5 0–0 21.Sc3 Db6 22.Thd1 Tab8 23.b3 Tfe8 24.a5 Db4 25.Ta4 Db7 26.Se4 Dc7 27.Se2 d5 28.Sc5 Lc8 29.c3 Lf8 30.b4 Lxc5+ 31.bxc5 Tb2 32.Te1 De7 33.Kf1 Dxc5 34.Sd4 Txe1+ 35.Kxe1 De7+ 36.Kf1 c5 37.Sc6 De8 – 0:1
Es ist mehr als unwahrscheinlich, daß Arno Schmidt diese Partie kannte.

3 Für wertvolle Hilfestellung bei der Beschaffung von Informationen über Gottlieb Machate danke ich herzlich Eberhard Herter und Stefan Bücker.

4 Vgl. BA I/4, S. 200. Bei dieser Partie handelt es sich um die Partie Cochrane vs. Walker, London, 1841. Schmidt hat sie inklusive einiger Kommentare aus dem Lehrbuch von Dufresne und Mieses abgeschrieben.

5 Die Eröffnung 1.b4 wurde angeblich 1924 während des Turniers in New York von dem Schachmeister Savielly Tartakower nach einem Zoo-Besuch scherzhaft auf den Namen ‚Orang-Utan‘ getauft. Die erste gründliche Untersuchung zu dieser Eröffnung verfaßte später der ukrainische Meister Alexej Sokolski (1908–1969), weshalb sie in manchen Veröffentlichungen seinen Namen trägt.

6 In allen Schachdiagrammen spielt Weiß gemäß der Konvention von unten nach oben, Schwarz von oben nach unten. Die vertikalen Linien sind von links nach rechts mit a bis h bezeichnet, die horizontalen Reihen von unten nach oben mit 1 bis 8. Die weiße Dame etwa steht zu Spielbeginn auf dem Feld d1, der schwarze König auf dem Feld e8. Die Züge sind in der Kurznotation angegeben: Nach der Zugnummer steht zuerst der weiße, dann der schwarze Zug; drei Auslassungspunkte ‚…‘ vor einem Zug zeigen an, daß eine schwarze Figur gezogen wird. Die tatsächlich gespielten Züge erscheinen in halbfetter Type; Varianten in der Grundschrift oder in kursiver Type. Bauernzüge werden nur durch das Feld bezeichnet, auf das der Bauer zieht; ansonsten bezeichnet der Großbuchstabe die Figur, der Kleinbuchstabe und die Ziffer das Feld, auf das die Figur zieht (K: König; D: Dame; T: Turm; L: Läufer; S: Springer). Ist es für zwei Figuren der selben Art und Farbe möglich, auf das betreffende Feld zu ziehen, markiert der erste Kleinbuchstabe oder die erste Ziffer die Linie bzw. Reihe auf der die Figur vor dem Zug stand (beispielsweise bezeichnet in der zweiten Partei der Zug 23…Taf8 den Zug des schwarzen Turms von der a-Linie auf das Feld f8). Ein ‚x‘ zwischen dem Großbuchstaben und der Feldbezeichnung bedeutet, daß auf dem Zielfeld eine gegnerische Figur geschlagen wird. Ein ‚+‘ zeigt ein Schach an, das ‚#‘ ein Matt. Erreicht ein Bauer die gegnerische Grundreihe, gibt ein Großbuchstabe hinter dem Zug die Figur an, in die er umgewandelt wird, z.B.: 54…e1D – ein schwarzer Bauer erreicht das Feld e1 und wird in eine schwarze Dame umgewandelt. Ausrufe- und Fragezeichen nach dem Zug geben eine grundsätzliche Einschätzung des Zuges wieder: ‚!!‘ – ein sehr starker, spielentscheidender Zug; ‚!‘ – ein starker Zug; ‚!?‘ – ein bedenkenswerter Zug; ‚?!‘ – ein fragwürdiger Zug; ‚?‘ – ein Fehler; ‚??‘ – ein grober, spielentscheidender Fehler.

7 Zitiert nach einer E-Mail von Bernd Rauschenbach an Richard Wagner vom 26.6.2000.

8 Vgl. Anmerkung 4.

9 Jean-Marc Degraeve vs. Cyril Marcelin, Val d’Isere, 30.08.2002.
1.e4 e5 2.f4 exf4 3.Sf3 g5 4.d4 g4 5.Lc4 gxf3 6.Dxf3 d6 7.Lxf4 Le6 8.d5 Lc8 9.0–0 Lg7 10.e5 Se7 11.Lg5 0–0 12.Lf6 Lxf6 13.exf6 Sg6 14.Sc3 Kh8 15.Se4 Se5 16.Df4 Tg8 17.Sg5 Df8 18.Tae1 h6 19.Se6 fxe6 20.dxe6 Sbc6 21.e7 Sxe7 22.fxe7 Dxf4 23.Txf4 Ld7 24.Lxg8 Kxg8 25.Tef1 Sg6 26.Tf6 Sxe7 27.Txh6 Lf5 28.Tf2 Kg7 29.Th4 Lg6 30.Ta4 b5 31.Ta3 Sd5 32.g4 b4 33.Taf3 Te8 34.h4 Te4 35.Tg3 Sf6 36.g5 Sh5 37.Th3 Sf4 38.Thf3 Sh5 39.Th2 Te1+ 40.Tf1 Te4 41.Kf2 Tc4 42.Ke3 Sg3 43.Tff2 Sf5+ 44.Kd2 Sxh4 45.c3 bxc3+ 46.bxc3 Sf5 47.Th3 Tg4 48.Thf3 Txg5 – 0:1

10 Vgl. Anmerkung 7.

11 Gegen die ansonsten wahrscheinlichste Theorie, Schmidt habe gegen Machate bei einer Simultanvorstellung gespielt, spricht seine Behauptung, er habe mit der Eröffnung 1.b4 gewonnen: Bei solchen Veranstaltungen hat der Simultanspieler gewöhnlich an allen Brettern die weißen Figuren.

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