William Shakespeare: Die Fremden

Es hat sich allmählich herumgesprochen, daß der Gegensatz von Kunst nicht Natur ist, sondern gut gemeint.

Gottfried Benn

shakespeare-fremdenEin sehr dünnes Buch aus dem man sehr viel lernen kann, weniger über Shakespeare oder Mitgefühl oder Ethik, aber übers Marketing. Auch braucht man sich keine Sorgen um seine Allgemeinbildung zu machen, weil man nie zuvor von einem Stück Shakespeares mit dem Titel „Die Fremden“ gehört hat; das gibt es nicht und es ist auch nicht neuerdings entdeckt worden. Es handelt sich bei dem Büchlein vielmehr um den Versuch, aus dem bestehenden Mitgefühl vieler Deutscher Profit zu schlagen – die knapp 70 Seiten kosten immerhin 6,– € –und das lose Geld aus der Spendenbereitschaft vieler Deutscher dem notleidenden Verlag dtv zufließen zu lassen.

Was man im Kern erwirbt, wenn man das Büchlein kauft, sind 8 – in Worten: acht! – Seiten Shakespeare, allerdings sowohl im englischen Original als auch in der Übersetzung Frank Günthers, und zudem eine Menge von Ratschlägen, wie man denn den Text am besten zu verstehen habe. Das beginnt beim Untertitel „Für mehr Mitgefühl“, der in anderen Zeiten ebensogut „Für mehr staatsbürgerlichen Gehorsam“ hätte lauten können. Damit auch der letzte Depp noch in der Buchhandlung begreifen kann, von welch zentraler Bedeutung der Erwerb des Buches ist, prangt auf dem Umschlag ein roter Aufkleber mit den aufrüttelnden Worten:

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Das Buch beginnt dann mit einem erschütternden Vorwort von Heribert Prantl, der wie kein anderer prädestiniert ist, festzustellen, dass das Land einen neuen Thomas Morus braucht; zum Glück erwähnt er nicht, dass nicht nur die Rede, die Shakespeare Morus in den Mund gelegt hat, vollständig fiktiv ist, sondern er kümmert sich ebensowenig darum, dass Morus’ Auftreten beim Aufstand 1517 vollständig unwirksam war und die Krone die fremdenfeindlichen Ausschreitungen damals mit militärischer Gewalt unterdrücken musste.

Nachdem man von Prantl darauf vorbereitet worden ist, wie man den nachfolgenden Text zu verstehen habe, wird man eingeführt, nicht etwa in das Fragment des Theaterstücks über Thomas Morus, das ein Kollektiv von Autoren, die heute kaum einer mehr kennt, um das Jahr 1600 zu verfassen versuchte, aber am Widerstand der elisabethanischen Zensur scheiterte, sondern in ein Fragment dieses Fragments, nämlich der einzigen Szene dieses Stücks, bei der sich die Shakespeare-Forschung inzwischen darauf geeinigt hat, dass sie direkt aus der Hand des Stratforder Meisters stammt: (vielleicht) das einzige literarische Manuskript, das von Shakespeare erhalten geblieben ist.

Wir erfahren nun, was zuvor geschah: nämlich, dass die Fremden –es handelt sich um religiöse, politische und wirtschaftliche Flüchtlinge aus Frankreich und Flandern – gegenüber den einheimischen Londoner Händlern und Handwerkern übergriffig geworden sind, ihnen also nicht nur wirtschaftliche Konkurrenz gemacht, sondern sich auch so benommen haben, wie es Gästen nicht zusteht. Dies wird im Stück nicht als Gerücht oder üble Nachrede behandelt, sondern als tatsächliches Geschehen auf der Bühne vorgeführt. Schon das könnte einen Schatten auf die Interpretation werfen, die das Buch versucht, seinen Lesern zu verkaufen.

Doch nun kommen endlich die knapp acht Seiten Shakespeare: Die aufgebrachte Londoner Bevölkerung hat sich zusammengerottet und will sich auch nicht von den herbeigeeilten Adeligen beruhigen lassen. Allerdings sind die Bürger bereit, Thomas Morus, seines Amtes Sheriff, anzuhören. Morus beruhigt die Bürger im Wesentlichen mit zwei Argumenten: Ihr Aufstand sei ein Akt des Ungehorsams gegen den König und damit zugleich gegen Gott; und außerdem sei ihr Ziel unmoralisch, denn sie verstießen gegen den Grundsatz, dass man andere so zu behandeln habe, wie man selbst behandelt werden wolle. Er verspricht den Aufständigen sich für ihre Begnadigung einzusetzen, und diese antworten, wie es vernünftige Aufständige zu jeder Zeit getan haben: Wenn nur Thomas Morus ihnen nicht böse sein wolle und sich für sie verwende, so gingen sie liebend gern ins Gefängnis. Daraufhin lassen sie sich willig abführen. Wenn nur der braune Mob so nachgiebig wäre.

Auch im weiteren Stück geht es nicht um die Fremden im Lande, sondern um das Schicksal der Aufständigen: Diese werden allesamt nach gutem Recht zum Tode verurteilt, einer auch aus Versehen und um der dramatischen Wirkung willen schon einmal gehängt, als die Nachricht eintrifft, dass Morus sich beim König kniefällig für sie verwandt und ihre Begnadigung erlangt hat. Große Freude im Lande: Pegida ist doch gar nicht so schlimm!

Man muss Übersetzer Frank Günther zugute halten, dass er im Anhang zu diesem Nichts von einem Text zugesteht, dass es sich bei der humanitären Rede Morus’ um eine rein rhetorische Übung Shakespeares handelt. Auch wird dem Leser – wenn er denn bis dahin vordringt – mitgeteilt, dass die historischen Ereignisse des Jahres 1517 mit der Darstellung im Theaterstück von 1600 nicht so sehr viel gemein haben (bis vielleicht auf die Kleinigkeit, dass hier wie da die Fremden selbst Schuld sind an dem Zorn, der ihnen entgegenschlägt), ja sogar, dass der kurze Text kaum zu dem Zweck taugt, zu dem er hier instrumentalisiert wird. Aber was soll’s: Er ist von Shakespeare, und es ist ja immerhin gut gemeint! Und Geld bringt’s auch.

Ein Buch VON ERSCHÜTTERNDER AKTUALITÄT.

William Shakespeare: Die Fremden. Für mehr Mitgefühl. Aus dem Englischen von Frank Günther. dtv 14555. München: dtv, 2016.  Broschur, 69 Seiten. 6,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (89)

Und nun noch etwas. Sie wissen, daß im Suhrkamp Verlag Beckett als Nummer 1 aller Autoren rangiert und daß wir uns um ihn wirklich bemühen. Darf ich Ihnen einmal die Verkaufsziffern von Beckett nennen.
»Molloy« (1954 erschienen) 2.554 verk. Exemplare
»Malone« (1958 erschienen) 1.632
»Der Namenlose« (1959 erschienen) 1.467
»Wie es ist« (1961 erschienen) 873
»Dramatische Dichtungen«
1 + 2 (1963 + 1964 erschienen)
1.366 + 1.176 verk. Ex.
Unsere elektronische Absatzstatistik ergibt einen Verkauf von etwa 10 Exemplaren im Monat. Das ist, wenn man so will, ein vernichtendes Ergebnis. Aber wir haben sehr wenig Möglichkeiten, es zu ändern, obschon wir ständig den Versuch unternehmen. Beckett hat nicht ein einziges Mal wegen dieser Absätze geklagt, im Gegenteil, er sieht unser Bemühen und bedankt sich dafür.

Siegfried Unseld an Thomas Bernhard
15. Juli 1968

Und die Moral von der Geschicht’

Spiegel-17-2016Das Hamburger Satire-Magazin DER SPARGEL Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL widmet das Titelblatt seiner Nr. 17 vom 23. April 2016 dem „Terror-Experten“ William Shakespeare. Neben dem unvermeidlichen Artikel von Volker Weidermann – dem Anschein nach der einzige, den man beim Spiegel kennt, der ernsthafte Literatur liest – liefert das Heft in einer Rubrik, die „Bildung“ überschrieben ist, auch eine Übersicht über „Shakespeares größte Hits“, stellt also den Stratforder Barden in direkte Konkurrenz zu Helene Fischer und Heino. Immerhin haben es fünf der 37 Stücke in die Spiegel-Charts geschafft: „Hamlet“, „Romeo und Julia“, „Richard III.“, „Othello“ und „König Lear“ sind dem Spiegel-Redakteur bekannt. Keine der beim Pöbel Publikum so beliebten Komödien hat es die Top-5 geschafft, auch nicht „Der Sturm“ oder so abseitige Sachen wie „König Heinrich V.“ oder „Julius Cäsar“.

Und da die Rubrik „Bildung“ heißt, hat man neben ebenso kurzen wie launigen Inhaltsbeschreibungen und dazugehörigen Bildchen auch drei bildende Lemmata pro Stück: „Vorbilder“, „Ewigkeitswert“ und „Fans“ (worunter trotz dem einleitenden Plural jeweils nur 1 Fan genannt wird). Der eigentlich Gewinn zur Bildung steckt natürlich im „Ewigkeitswert“. Hier finden sich so tiefschürfende Einsichten wie

Hamlet ist bis heute eine Symbolfigur für jugendlichen Aufruhr gegen die Erwachsenenwelt, für den moralischen Protest eines jungen Helden, der zum ersten Mal mit dem Bösen der Realpolitik konfrontiert wird.

Es ist also der Geist des moralischen Protestes, der nächtens auf der Terasse des Schlosses von Helsingör spukt, nicht der von Hamlets Vater. Und es ist Hamlets überaus moralische Haltung, die zum Tod Ophelias führt. Was für ein Glück, dass es heute wie damals kaum mehr „junge Helden“ gibt, die sich diese Moral des Stückes aneignen könnten.

Was gibt es sonst noch zu lernen? Dass „Romeo und Julia“ das „größte Stück über die Liebe überhaupt“ und „Othello“ der „Inbegriff des Eifersuchtdramas“ sind, wundert nicht. Interessanter ist da schon der Ewigkeitswert von „Richard III.“:

Überzeitliche Charakterstudie über die Verführungskraft des Bösen

“Luke, I am your father!”

Und „König Lear“ liefert fast wie selbstverständlich den ewigsten Wert:

Bis heute gültige Lektion in Altersstarrsinn – und darin, wie man durch eitle Rechthaberei ein Lebenswerk sowie die eigene Familie zerstört.

O Shakespeare, mit Grausen sehn wir dich von weitem!

Anthony Burgess: Earthly Powers

Toomey offers this bulky but overpriced novel as an elected swansong.

Burgess Earthly PowersDieser Roman stand seit Mitte der 80er Jahre ungelesen in meinem Bücherschrank. Ich hatte damals – angeregt durch einen Kommilitonen – eine kurze Phase der Burgess-Begeisterung, konnte mich dann aber doch nicht dazu aufraffen, mich durch die 650 Seiten dieses Romans zu beißen. Wahrscheinlich hätte er mir damals auch nicht so viel Vergnügen gemacht wie heute, einfach deshalb, weil mir viele der Anspielungen entgangen wären.

Ich-Erzähler ist der über 80-jährige britische Schriftsteller Kenneth M. Toomey, der zur Jetzt-Zeit des Romans – Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts – in Malta lebt, um der Besteuerung in England zu entgehen. Toomey war über die Ehe seiner Schwester verwandt mit Carlo Campanati, Papst Gregor XVII., der in der fiktiven Welt des Romans 1958 als Nachfolger Pius’ XII. gewählt wird. An seinem 81. Geburtstag erhält Toomey einen Besuch des Erzbischofs von Malta, der ihn bittet, im Heiligspechungsverfahren Gregors als Zeuge aufzutreten, da er eine vorgebliche Wunderheilung durch den damals noch als Exorzisten wirkenden Carlo miterlebt habe. Dies liefert den Anstoß dazu, dass Toomey sein Leben ab dem Jahr 1916 erzählt, was die Hauptmasse des Romans bildet. Auftakt der pseudoautobiographischen Erzählung bildet Toomeys innere Lossagung von der katholischen Kirche, die seine Homosexualität nur als Sünde begreifen kann. Toomey ist eines von drei Kindern aus einer britisch-französichen Ehe und im Glauben seiner Mutter erzogen worden. Er ist bereits zu Anfang der Autobiographie als Schriftsteller tätig. Sein erster Roman ist zwar kein großer Erfolg, doch gelingt ihm der Durchbruch als Bühnenautor mit einigen leichten Komödien. Als eine Affäre mit einem verheirateten Schauspieler publik wird, flieht Toomey vor einer drohenden Strafverfolgung aus England; in Italien lernt er wenig später zufällig die Brüder Carlo und Domenico Camapanati kennen. Carlo ist damals bereits ein ambitionierter Geistlicher, während Domenico ein mittelmäßig begabter Musiker ist, der mit einer Oper Erfolg zu haben hofft. Toomey soll ihm das Libretto dazu schreiben; die Oper wird zwar kein Erfolg, doch Domenico und Kenneth’ Schwester Hortense werden ein Paar und heiraten.

Der weitere Roman verfolgt nun in der Hauptsache die Karrieren dieser vier Familienmitglieder des Toomey-Campanati-Clans sowie der beiden Kinder von Hortense und Domenico. Ihre gewöhnlich ungewöhnliche Familiengeschichte liefert Anlass für eine Auseinandersetzung mit der Kultur der USA, insbesondere Hollywoods, dem Nationalsozialismus – Toomey durchleidet mehrfach unfreiwillige Verwicklungen –, der katholischen Kirche und der Schriftstellerei als Beruf und Geschäft. All das ist witzig und intelligent gemacht, liefert aber trotz Ausflügen nach Asien und Afrika durchaus nicht das große, umfassende Bild der Welt des 20. Jahrhunderts, das dem Buch manchenorts zugeschrieben wird. Es ist viel eher als eine vielfach gebrochene, in weiten Teilen uneitle Selbstbespiegelung des alten Burgess’ zu lesen, woran auch die dem Protagonisten zusätzlich aufgepfropfte Homosexualität nichts ändert.

Ich habe mich anlässlich dieser Lektüre gefragt, ob Burgess in Deutschland noch gelesen wird. Soweit der Buchmarkt einen Hinweis gibt, scheint das nicht so zu sein: Zwar sind die Übersetzungen von “A Clockwork Orange” (dies sogar in zwei Übersetzungen) und “Earthly Powers” („Der Fürst der Phantome“) sowie der lesenswerten Einführung in das Werk von James Joyce – der naturgemäß auch in “Earthly Powers” prominent vertreten ist – “Here Comes Everybody” (zuletzt 2004 als „Joyce für Jedermann“ im Suhrkamp Taschenbuch) noch lieferbar, aber alles andere scheint vergessen zu sein und das, obwohl Burgess in bedeutender Breite ins Deutsche übertragen wurde.

Da mir “Earthly Powers” einiges Vergnügen bereitet hat, wird hier sicherlich in Zukunft noch der eine und andere Hinweis auf Bücher von Burgess folgen.

Anthony Burgess: Earthly Powers. New York u.a.: Penguin, 51983. Broschur, 649 Seiten. Lieferbar als Vintage Classic für ca. 27,– €.

Vladimir Nabokov: Die Gabe

Er war blind wie Milton, taub wie Beethoven und obendrein dumm wie Beton.

Nabokov-Gabe„Die Gabe“, entstanden in den Jahren 1933 bis 1938 in Berlin und an der Côte d’Azur, ist der letzte Roman, den Nabokov auf Russisch schrieb. Er ist auch so etwas wie ein erster Abschluss seiner Aus­ein­an­der­set­zung mit der russischen Immigranten-Szene Berlins, in der Nabokov von 1922 bis 1937 gelebt hatte. Zudem ist es der bis dahin literarischste Roman Nabokovs, da sein Protagonist ein junger russischer Schriftsteller ist und die russische Literatur seit dem 19. Jahrhundert eine der thematischen Ebenen des Romans bildet.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Grafen Fjodor Godunow-Tscherdynzew, der zu Anfang des Romans gerade seinen ersten Gedichtband veröffentlicht hat. Er lebt in der zweiten Hälfte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts als russischer Exilant in Berlin; seine Mutter und Schwester sind in Paris, sein Vater, ein berühmter For­schungs­rei­sen­der, ist auf seiner letzten Expedition verschollen und muss für tot gehalten werden. Seine sozialen Kontakte sind auf einen kleinen Kreis von Immigranten beschränkt, darunter auch einige Schriftsteller, die wie er selbst mit der kärglichen Bedingungen des Exils zurechtkommen müssen. Handlung hat das Buch nur wenig: Nach einer Zeit der Untätigkeit beginnt Godunow-Tscherdynzew die Biographie seines Vaters zu verfassen, gibt dieses Projekt aber nach einigen Monaten wieder auf, um stattdessen die Biographie Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewskis (1828–1889) zu schreiben. Nabokov lässt es sich nicht nehmen, diese Biographie im 4. Kapitel des Romans auf knapp 150 Seiten vollständig wiederzugeben. Das Buch wird ent­ge­gen der Intention ihres Verfassers weithin als Parodie oder sogar als Satire auf das Leben des frühen russischen Revolutionärs verstanden, weshalb Godunow-Tscherdynzew zuerst einige Schwierigkeiten hat, einen Verlag für das Buch zu finden; als es dann doch erscheint, wird es rasch zum Zentrum eines Sturms im Wasserglas der russischen Exil-Literatur.

Unterdessen hat sich der Protagonist verliebt: Sina, die Stieftochter seines neuen Vermieters, trifft sich täglich mit ihm zu Spaziergängen durch das abendliche Berlin. Sie unterstützt ihn bei der Arbeit an der Biographie, wahrscheinlich aber auch finanziell – sie arbeitet als Schreib­kraft bei einem Rechtsanwalt und gibt Fjodor zumindest ein­mal eine hohe Summe, damit er die ausstehende Miete bei ihren Eltern bezahlen kann. Dass das Paar füreinander bestimmt ist, acht Nabokov im letzten Kapitel klar, als er die Eltern Sinas nach Kopenhagen ziehen lässt; auf den letzten Seiten gehen die beiden Liebenden zur nun leeren Wohnung zurück, um ihre erste Liebesnacht miteinander zu ver­brin­gen. Nabokov wäre allerdings nicht Nabokov, wenn er für die beiden nicht noch eine kleine, böse Überraschung vorbereitet hätte, die am Ende aber unerzählt bleibt.

Das Buch ist sicherlich für Kenner der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts vergnüglicher zu lesen als für den gewöhnlichen deutschen Leser. Besonders die frühen Passagen der Tscher­ny­schew­ski-Bio­gra­phie in Kapitel 4 sind etwas zäh; dagegen ist die von Na­bo­kov detailliert vorgeführte Rezeption des Buches eine hübsche Parodie auf Gepflogenheiten des Literaturbetriebs, die sich bis heute nicht groß geändert haben. Erwähnt werden sollte wohl noch, dass Nabokov auch in diesem Buch mit den Grenzen zwischen Phantasie und Realität spielt: An zahlreichen Stellen des Buches geht die Wahrnehmung des Helden nahtlos in eine seiner Phantasien über; auch Träume spielen wieder eine bedeutende Rolle im Text.

Alles in allem ein routinierter Künstlerroman, der viel von der li­te­ra­ri­schen Kultur der russischen Exilanten in Berlin widerspiegelt; zugleich handelt es sich um eine satirische Auseinandersetzung mit der rus­si­schen Literaturszene, sowohl der des 19. Jahrhunderts als auch der Opposition zwischen den revolutionär orientierten und den kon­ser­va­ti­ven Kräften des Exils. Die deutsche Übersetzung beeindruckt be­son­ders durch die Übersetzungen der Gedichte des Protagonisten, bei denen der Übersetzerin das nicht kleine Kunststück gelingt, einen halb originellen, halb eklektizistischen Tonfall zu erzeugen.

Vladimir Nabokov: Die Gabe. Deutsch von Annelore Engel-Braunschmidt. Gesammelte Werke V. Reinbek: Rowohlt, 42001. Leinen, Fadenheftung, Lesebändchen, 795 Seiten. 30,– €.

Allen Lesern ins Stammbuch (74)

3½ Jahre braucht der Autor, um das Buch zu schreiben, 3½ Monate der Verleger, es herauszubringen, 3½ Tage der Re­zen­sent, es zu lesen (wenn ers liest!), 3½ Stunden, es zu besprechen (wenn er sich Mühe gibt), 3½ Minuten der Leser, um die Re­zen­sion aufzunehmen, 3½ Sekunden, sie wieder zu vergessen.

Wolf von Niebelschütz

Dominik Riedo: Wolf von Niebelschütz

Riedo-NiebelschützWolf von Niebelschütz ist, wie bereits an anderer Stelle gesagt, einer der bemerkenswerten Autoren der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur: Ei­ner­seits von einer kleinen, aber stetig wachsenden Guppe von Lesern geschätzt, andererseits beinahe nie aus dem Schatten eines Geheimtipp-Daseins herausgetreten, dennoch mit seinen beiden Ro­ma­nen beinahe ununterbrochen lieferbar (sein Biograph Dominik Riedo schätzt die Gesamtauflage der beiden Bücher auf immerhin je 100.000 Exemplare) führt er eine jener langlebigen Randexistenzen der Li­te­ra­tur, die zeigen, dass der Literaturbetrieb doch noch nicht gänzlich auf das Geschäft der Controller heruntergekommen ist. Oder, um es mit einem anderen, wenn auch inzwischen deutlich bekannteren Au­ßen­sei­ter der deutschsprachigen Literatur zu sagen:

Und die eigentlichen ›Pfade‹ in der Literatur sind die Sackgassen, (auch die der Büchersucher und =finder)

Dominik Riedo hat nun im vergangenen Jahr die erste umfassende Biographie über Wolf von Niebelschütz herausgebracht. Das Buch zeugt mit seinen über 900 großformatigen Seiten nicht nur vom Fleiß des Autors, sondern vermittelt ein tatsächlich so vollständiges Bild von Leben und Werk, wie es sich derzeit erstellen lässt. Niebelschütz war zwar adeliger Herkunft, wuchs aber in bürgerlichen Verhältnissen auf, besuchte Schulpforta, begann anschließend in Wien Geschichte zu stu­die­ren, brach das Studium aber schon bald ab und wurde Journalist in Magdeburg bei jener Zeitung, für die auch sein Vater arbeitet. Neben der journalistischen Arbeit schrieb er Gedichte. Vom aufkommenden Nationalsozialismus hält er sich fern, wenn es auch wohl übertrieben wäre, ihn einen Gegner zu nennen (Riedo verschweigt dabei durchaus nicht die antisemitischen Tendenzen, denen Niebelschütz in dieser Zeit anhängt). Dann wird er zur Wehrmacht eingezogen, wobei er dazu neigt, das Soldatentum einerseits in Gedichten heldisch zu überhöhen, andererseits aber persönlich ziemlich unerträglich zu finden.

Noch während des Krieges beginnt Niebelschütz, angeregt durch die Lektüre eines Hofmannthal-Fragments, mit der Arbeit an seinem ersten großen Roman – zwei Romanversuche zuvor sind nicht zur Druckreife gelangt –, einem im 18. Jahrhundert im fiktiven Mit­tel­meer­in­sel­reich Myrrha spielenden Haupt- und Staatsroman, der nicht nur das Zeitalter des Barock mit seinen Umgangsformen und seinem Lebensgefühl feiert, sondern sich zugleich auch über genau diese Fas­zi­na­tion lustig zu machen versteht. „Der blaue Kammerherr“ erschien 1949 im jungen Suhrkamp Verlag, und es sah zuerst nach dem von Autor und Verleger erhofften Erfolg aus. Doch nach anfangs guten Verkäufen ließ das Interesse rasch und deutlich nach, so dass sich Niebelschütz in den Folgejahren als Vortragsredner und Auftragsautor für die deutsche Industrie verdingen musste. So erschien erst zehn Jahre nach seinem Debüt sein zweiter Roman „Die Kinder der Finsternis“, dem beim Publikum ein nahezu identisches Schicksal beschieden war. Dennoch sind beide Romane nie vollständig vom Buchmarkt verschwunden, und mit den Jahren ist Niebelschütz langsam zu dem Status eines wohlbekannten Geheimtipps gekommen, ein Schicksal, dass er zum Beispiel mit Albert Vigoleis Thelen teilt, was zeigen mag, dass es sich um kein so ganz einmaliges Phänomen in der deutschen Nachkriegsliteratur handelt.

Dominik Riedos Biographie ist eine wissenschaftlich orientierte Gesamtdarstellung, die nicht nur Leben und Werk, sondern auch die Rezeption besonders der beiden Romane umfassend würdigt, sowohl was das Feuilleton als auch was die germanistische Forschung angeht. Da das Buch übersichtlich und der Sache nach klar gegliedert ist, erlaubt es aber auch eine eher biographisch als li­te­ra­tur­wis­sen­­schaft­lich gewichtete Lektüre. Überhaupt muss man Riedo einen sprachlich stets klaren und nahezu immer beispielhaft objektiven Zugriff auf die dargestellte Sache bescheinigen; nur einige wenige im Ton schwär­me­ri­sche Stellen lassen hier und da den Fan durchschimmern.

Zu wünschen wäre eine von diesem Buch ausgehende, kürzere und preiswertere, an ein breiteres Publikum gerichtete Biographie Wolf von Niebelschütz’, die vielleicht eine Chance böte, diesen sprachlich ori­gi­nel­len und inhaltlich spannenden Autor, der sich dem Strom der zeit­ge­nös­si­schen Literatur nur wenig angepasst hat, einer noch größeren Leserschaft bekannt zu machen. Man darf jedenfalls gespannt sein, ob und wie sich die Wahrnehmung von Autor und Werk durch Riedos Biographie verändern wird.

Dominik Riedo: Wolf von Niebelschütz. Leben und Werk. Eine Biographie. Bern u.a.: Peter Lang, 2013. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 919 Seiten. 133,80 €.

Wolfgang Feelisch: in’sait

In einer seiner Notizen entwirft Ludwig Hohl zwei Anzeigen, von denen eine wie folgt lautet:

»Weihnachten steht vor der Tür! Was schenkst du deinen Verwandten, Freunden und Bekannten? Am besten Bücher. Wir empfehlen dir:

Goethes kleine Prosa in leichtverständlicher Form und von äußerster Dauerhaftigkeit. Unser Haus ist imstande, dieses Buch und bald auch andere zu einem erstaunlich billigen Preis zu liefern infolge einer genialen und höchst modernen Erfindung.

Diese neue Art Bücher wird sich zum Aufstellen im Bücherschrank vorzüglich eignen, von der bekannten, altväterischen Art Bücher aber sich durch folgende Vorzüge unterscheiden: Eine Dauerhaftigkeit, die schon an Unzerstörbarkeit grenzt (auch bei häufigem Ausleihen!); höchste Prunkhaftigkeit des Deckels; den viel niedrigeren Preis.

Dieser alle Konkurrenz in den Wind schlagende niedrige Preis wird dadurch ermöglicht, daß das Innere des Buches aus einem Brett gestaltet ist (echtes Eichenholz!). Nach dem Muster der Holzschinken — man muß nur auf die Ideen kommen! Unsere Erfindung ist gesetzlich geschützt.

Kraft dieser erstrangigen Erfindung werden wir zweifellos in kurzem alle Verlagshäuser überflügelt haben. Von jenen freilich sehen wir ab, die elende Machwerke in die Welt setzen, traurige Unterhaltungs-Werke und erbarmenswürdige Spannungs-Romane, die man lesen muß; denn wir, fern jenen verachtungswürdigen Niederungen, befassen uns allein mit der großen und wahren Literatur, mit den tiefen und ernsten Büchern der Autoren, die etwas zu sagen haben, und die sich zum Aufstellen im schönen Bücherschrank vorzüglich eignen und jedem Besitzer zur Ehre gereichen.«

Feelisch-in-sait-CoverDie Idee scheint so naheliegend, dass sie tatsächlich zumindest einmal umgesetzt worden ist: Der Remscheider Künstler Wolfgang Feelisch ließ 1969 ein kleines Büchlein mit dem schön verschriebenen Titel „in’sait“ – ja, drucken kann man nur eingeschränkt sagen, also: produzieren, das alle die von Hohl gepriesenen Vorzüge aufweist. Wer es aus dem Bücherregal zieht und aufschlägt, sieht sich jeder weiteren Mühe enthoben:

Feelisch-in-sait-Inside

Leider weiß ich nicht, in welcher Auflage das Werk damals entstanden ist und ob die Idee vielleicht auch darüber hinaus Verbreitung und Freunde gefunden hat.

Wolfgang Feelisch: in’sait. Krefeld: Verlag Pro, 1969. Broschur, keine Seiten. Lange schon vergriffen.

Allen Lesern ins Stammbuch (66)

Und er lehrte sie und sprach zu ihnen: Seht euch vor vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern gehen und lassen sich auf dem Markt grüßen und sitzen gern obenan in den Synagogen und am Tisch beim Mahl; sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein umso härteres Urteil empfangen.

Markus 12, 38–40

Alexander Schimmelbusch: Die Murau Identität

[…] als sei generell alles, was aus meinem Mund komme, abwegig, ja, idiotisch sogar.

Schimmelbusch-MurauDas Buch beruht auf einem netten, wenn auch banalen Einfall: Thomas Bernhard ist 1989 nicht gestorben, sondern hat seinen Tod nur vorgetäuscht. Seitdem lebt er unter dem Pseudonym Murau als Ehemann, Vater und Freizeitler auf Mallorca und in New York. Allerdings dreht sich das aus dieser Idee entwickelte Buch nur sehr am Rande um Bernhard, wahrscheinlich deshalb, weil seinem Autor zu Bernhard nicht so recht viel einfallen will. Stattdessen füllt er viele, viele Seiten mit etwas, was er wohl für eine Satire des Lebens eines Jet-Set-Journalisten hält, in der ein überzeichnetes Alter Ego in der Welt herumfliegt, seine Obsession für Fellatio aus- und dem finanziellen Ruin entgegen lebt.

Das Rückgrat der Erzählung bildet eine mäßig gelungene Stil-Parodie auf die Notate Siegfried Unselds aus dem Briefwechsel-Band Bernhard/Unseld. In insgesamt fünf Lieferungen durch das ganze Buch hindurch berichtet in ihnen Unseld von seinen Treffen mit Bernhard nach dessen fingiertem Tod. Was sich im ersten Teil noch ganz witzig liest, verflacht bald zu einer öden Wiederholung des immer gleichen Superman-Habitus, ohne dass etwas anderes als eben zusätzliche Seiten gewonnen würde. An einer einzigen Stelle schwingt sich dieser Text zu einer wirklich witzigen Pointe auf, als nämlich Unseld bei einem Besuch in einem Bordell erkennen muss, dass Bernhard die chinesische Vase, die er ihm Ende 1974 in Ohlsdorf geschenkt hat (vgl. Briefwechsel S. 453), zuvor offenbar aus eben diesem Puff entwendet hat (S. 98 ff.). Leider fällt alles andere gegen diesen Höhepunkt steil ab.

Da die ohnehin zu lang geratene Parodie allein kein Buch füllen würde, schreibt Schimmelbusch die oben schon angedeutete Schickimicki-Handlung drumherum und zwischenrein. Ganz zum Schluss tritt dann noch ganz kurz der Leibhaftige selbst auf, redet aber auch nur das, was wir nach der Lektüre des Buches ohnehin erwarten konnten. Ansonsten ist der Text gespickt mit sachlichen Fehlern (um von dem im Titel fehlenden Bindestrich einmal ganz abzusehen), alle natürlich sorgsam absichtsvoll im Text platziert und an entsprechender Stelle (S. 141 f.) poetologisch gerechtfertigt. Wer einen dummen Text schreibt, muss inzwischen offensichtlich nur noch die Klugheit als obsoletes Konzept deklarieren, um mit allem im Reinen zu sein.

Ein Text mehr, der die von ihm selbst aufgelegte Latte mühelos unterspringt. Schade …

Alexander Schimmelbusch: Die Murau Identität. Berlin: Metrolit, 2014. Bedruckter Pappband, 208 Seiten. 18,– €.