Laut dem »Blättchen« fällt Georg Kreisler
zu Theodor W. Adornos Verdikt, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz noch Gedichte schreiben, nur ein Satz ein: „So ein intelligenter Mensch und so ein Unsinn!“
So ein intelligenter Mensch und so ein Unsinn!
Laut dem »Blättchen« fällt Georg Kreisler
zu Theodor W. Adornos Verdikt, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz noch Gedichte schreiben, nur ein Satz ein: „So ein intelligenter Mensch und so ein Unsinn!“
So ein intelligenter Mensch und so ein Unsinn!
Der deutschen Ausgabe von Tim Weiners Geschichte der CIA – CIA. Die ganze Geschichte – wurde ein eigenes Vorwort verpasst. Als Einstieg nutzt der Verfasser die Assoziation zwischen den US-amerikanischen und deutschen militärischen Geheimdiensten im Sommer 1945. Um die Situation zwischen den beiden Geheimdiensten mit einer griffigen Allegorie zu fassen, benutzt er das Ende des Spielfilms Casablanca:
Der damalige Augenblick war das Spionage-Pendant zum letzten Satz des großartigen, 1942 gedrehten Kriegsfilms Casablanca, als der amoralische Rick Blaine, gespielt von Humphrey Bogart, sich zu seinem ebenso amoralischen neuen Verbündeten, dem französischen Polizeichef und Kollaborateur Louis Renault, gespielt von Claude Rains, umdreht und sagt: »Louis, ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.« [S. 13 f.]
Wenn es in Casablanca überhaupt Moralisten gibt, dann sind es gerade diese beiden Zynikern des Stücks. Und gerade ihre gemeinsame Moralität bildet wohl die Grundlage jener »wunderbaren Freundschaft«.
Wollen hoffen, dass der Rest des Buches besser geraten ist.
In seiner soeben erschienenen Biographie Josephs von Eichendorff zitiert Hartwig Schultz gleich zu Anfang den offensichtlich an der Goetheschen Selbstdarstellung in »Dichtung und Wahrheit« ironisch entlang geschriebenen Bericht Eichendorffs von den äußeren Umständen seiner Geburt:
Es war eine tiefe, stille, klare Winternacht des Jahres 1788, die Konstellation war überaus günstig, Jupiter und Venus blinkten freundlich auf die weißen Dächer, der Mond stand im Zeichen der Jungfrau und mußte Schlag Mitternacht kulminieren.
Schultz merkt dazu an:
Alle Umstände der Geburt sind in den autobiographischen Entwürfen, die unter dem Titel Unstern überliefert sind, so präzise beschrieben, daß der Leser annehmen muß, der Autor habe sich genau erkundigt. Eichendorff gibt nicht nur die Wetterbedingungen zum Zeitpunkt seiner Geburt an, sondern scheint auch den Stand der Gestirne ergründet zu haben – ganz so genau hat er es aber doch nicht genommen, da die Venus um Mitternacht natürlich längst untergegangen ist. [S. 7]
Liest man Eichendorffs Text genau, so bemerkt man, dass dort gar nicht steht, Venus sei um Mitternacht noch am Himmel sichtbar gewesen, sondern nur, dass der Mond um Mitternacht habe kulminieren müssen. Nun hat Schultz aber dennoch recht, er weiß es bloß nicht, da er – wie unter Germanisten üblich – lieber halbgebildet daherfaselt, als sich auch nur für fünf Minuten mit einer fachfremden Sache ernsthaft zu befassen. Ansonsten hätte er nämlich herausfinden können, dass am 8. März 1788 Neumond gewesen ist und der noch nicht zwei Tage alte Mond am 9. März schon vor 8 Uhr abends, etwa eine Stunde vor der Venus, untergegangen war. Von einer Kulmination um Mitternacht konnte also gar keine Rede sein. – Ja, wenn man’s nur ein bißchen tiefer wüßte.
Ich gebe nach und äußere mich endlich auch zum »Wettbewerb der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen«, auch wenn mir bislang niemand Auskunft darüber erteilen konnte, worin denn der Wettbewerb bei dieser Veranstaltung bestehen soll.
Werden die besten Begründungen prämiert? Dann ist es freilich egal, welcher erste Satz der Schönste wäre, und das ganze wäre ein versteckter Schreibwettbewerb in der Kategorie Panegyrik. Falls nicht die Begründung, so ergibt sich die Frage, warum überhaupt eine Begründung geschrieben werden muss. Da genügte dann doch ein einfaches »Der erste Satz der Jupiter-Sinfonie ist für mich der schönste erste Satz« – und fertig. Was erwartet man denn noch mehr?
Wenn allerdings tatsächlich die ersten Sätze prämiert werden sollen, so würde das zum einen bedeuten, dass die Einsender untereinander in einen Wettbewerb des Geschmacks treten, der offenbar unentscheidbar ist. Wer soll da gewinnen? Wer hat den besten Geschmack – ich natürlich, aber ich nehme ja nicht teil. Zum anderen muss man voraussetzen, dass die Jury die Schönheit der eingereichten Sätze überhaupt beurteilen kann. Da sich die Schönheit erster Sätze aber oft erst im weiteren Gang des Buches tatsächlich entfaltet, sind Ungerechtigkeiten vorprogrammiert.
Noch einmal: Worin besteht eigentlich der Wettbewerb?
Abgesehen von diesen Fragen habe natürlich auch ich einen Kandidaten. Nicht gerade für den »schönsten« ersten Satz – das wäre vielleicht Sternes
I wish either my father or my mother, or indeed both of them, as they were in duty both equally bound to it, had minded what they were about when they begot me; had they duly consider’d how much depended upon what they were then doing;—that not only the production of a rational Being was concern’d in it, but that possibly the happy formation and temperature of his body, perhaps his genius and the very cast of his mind;—and, for aught they knew to the contrary, even the fortunes of his whole house might take their turn from the humours and dispositions which were then uppermost:——Had they duly weighed and considered all this, and proceeded accordingly,——I am verily persuaded I should have made a quite different figure in the world, from that, in which the reader is likely to see me.
… aber doch zumindest für den (beinahe) ersten Satz, der als Beginn eines Prosatextes auf mich einen tiefen, vielleicht den tiefsten Eindruck überhaupt gemacht hat:
Eine kleine Station an der Strecke, welche nach Rußland führt.
Endlos gerade liefen vier parallele Eisenstränge nach beiden Seiten zwischen dem gelben Kies des breiten Fahrdammes; neben jedem wie ein schmutziger Schatten der dunkle, von dem Abdampfe in den Boden gebrannte Strich.
Wie beschreibt einer das Ende der Welt? Einen Ort, an dem alle Zusammenhänge sich verlieren, von dem alle Linien nur weglaufen, von dem man nur flüchten kann und an dem man verdammt ist, wenn man hier ankommt? Genau so! Hier gibt es keine Eisenbahnlinie von A nach B, hier gibt es nur mehr vier Eisenstränge, die keinerlei Bedeutung konstituieren, die endlos parallel nach beiden Seiten bis an den Horizont reichen und dort verschwinden. Das ist groß! Am schönsten ist es wahrscheinlich nicht, aber wen kümmert das?
Und nein, ich verrate nicht, wo das steht.
Der Historiker Edward Gibbon kommt bei Arno Schmidt vereinzelt vor; oft wird im Ton der Verehrung über ihn gesprochen, an einer Stelle wird er sogar »ein Großer Mann« genannt – ein Urteil, das Schmidt nicht leicht über die Lippen kam, sonst aber wenig besagen will. Eine Stelle über Gibbon aber hat mich immer besonders neugierig gemacht, denn sie zitiert ein witziges und zugespitztes Urteil über ihn, von dem ich immer gern gewußt hätte, von wem es wohl stammt:
»Du erinnersD Mich an so manichäerleye –« (W): »Erstlich an ein Urteil über GIBBON, das Ich jüngst las: ›he never gave credit for a good motive, when a base one could be found‹.
Zettel’s Traum, S. 1159
Bei der jetzigen Beschäftigung mit Gibbons »Verfall und Untergang« habe ich die Quelle zufällig entdeckt: Es handelt sich um den Artikel »Prostitution« aus der 11. Auflage der »Encyclopædia Britannica« (Bd. 22, S. 459), der von Arthur Shadwell, einem promovierten Mediziner und Mitglied der Epidemiological Society, verfasst wurde. Damals waren unfraglich noch die Epidemiologen und nicht die Soziologen die zuständigen Fachleute in Fragen der Prostitution.
Witzig wird die Fundstelle aber dadurch, dass die Figur Wilma, der Schmidt die oben zitierte Äußerung zuschreibt, offenbar kurz zuvor diesen Artikel gelesen haben muss und gleich im Anschluss an dieses Zitat zu einer großen Schimpftirade gegen eine Freundin ihrer Tochter ausholt, deren freizügiges Benehmen ihr ein Dorn im Auge ist, wahrscheinlich nicht nur aus Sorge um die Sittsamkeit ihrer Tochter, sondern auch weil ihr Mann Paul nicht unanfällig für die Reize der jungen Schönen zu sein scheint. Auch hier bildet – wie so oft bei Schmidt – die verdeckt bleibende Herkunft eines Zitats den Assoziations-Auslöser für den nachfolgenden Text. Das eigentliche Motiv bleibt im Verborgenen.